Blockchain als «Game-Changer» Rückblick 2. Forum Blockchain For Business

Blockchain ist nicht mehr nur in Grosskonzernen ein Thema. Die digitale Technologie hat mittlerweile auch die KMU erreicht. Dies zeigte sich am zweiten Blockchain for Business (B4B) der Fachhochschule St.Gallen, wo Experten aus Wissenschaft und Praxis mit Unternehmerinnen und Unternehmern über das Potenzial von Blockchain diskutierten.

Was kann die Blockchain-Technologie den Klein- und Mittelunternehmen bringen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des zweiten Forums Blockchain for Business (B4B) vom vergangenen Dienstag, 19. November, in St.Gallen. Organisiert wurde es vom Institut für Unternehmensführung der Fachhochschule St.Gallen IFU-FHS. Das Thema stiess auf grosses Interesse, der Anlass war mit 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausverkauft. «Nach der ersten Durchführung im vergangenen Jahr haben wir viel positives Feedback bekommen», sagte Pascal Egloff, Dozent und Projekt Manager am Kompetenzzentrum für Banking und Finance der FHS. «Deshalb haben wir uns entschieden, ein zweites Forum zu organisieren.» Pascal Egloff und Ernesto Turnes, der das Kompetenzzentrum leitet, waren dabei federführend.

«In den letzten zwölf Monaten ist in Sachen Blockchain einiges passiert, viele Unternehmen setzen sich mittlerweile mit dem Thema auseinander», sagte der Wissenschaftler. Die neue Technologie sei aber nicht die Lösung für ein einzelnes Unternehmen, sondern für einen ganzen Verbund. Sie soll helfen, vernetzte Geschäftsmodelle zu implementieren, neue Kooperationen einzugehen und effizientere Prozesse zu gestalten. Am Forum, das von Fernsehjournalist Reto Brennwald moderiert wurde, berichteten verschiedene Unternehmensvertreter von ihren Erfahrungen mit der «dezentralen Transaktionsdatenbank». Auch die FHS hat diesbezüglich ein Pilotprojekt lanciert, das sie am Forum vorstellte. Blockchain als Echtheitsnachweis heisst es, und das durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich ausprobieren. Für sie gab es einen Chip, aufgeklebt auf einem Kärtchen, über den auf einer Blockchain die Teilnahmebestätigung abgelegt ist. «Es ist sozusagen eine physische Brücke zur Echtheitsprüfung auf der digitalen Blockchain», sagte Pascal Egloff.

«Logbuch ist nicht fälschbar»

Die Gübelin AG hat ebenfalls eine Blockchain entwickelt. Damit will das Schweizer Traditionshaus im Juwelierbereich neue Standards in der Rückverfolgbarkeit von Edelsteinen setzen. «Die Edelstein-Industrie ist ein intransparenter Markt», sagte Dennis Tong, Head of Operations des Gübelin Gem Lab. Doch die Provenienz müsse überprüfbar sein, damit Transparenz geschaffen und Glaubwürdigkeit gefördert werden könne. In einem digitalen Logbuch wird nun jede Transaktion erfasst; von der Mine bis zum Endkunden. «Durch die Blockchain-Technologie ist das Logbuch nicht fälschbar und benötigt keinen Verwalter», so Dennis Tong. Mittlerweile würden rund 100 Firmen die Plattform der Gübelin AG nutzen.

Für Philippe Kaiser, Rechtsanwalt und Notar bei Kaiser Odermatt & Partner, geht es vor allem darum, mit Blockchain die Prozesse für Firmengründungen zu optimieren. «Heute dauert es bis zu sechs Wochen für eine Gründung», sagte er. «Dank der einmaligen Datenerfassung, der einheitlichen Datenaufbewahrung und der konsistenten Datenweitergabe soll dies künftig in wenigen Stunden möglich sein.» Die Blockchain Trust Solutions AG in Herisau realisiert Blockchain-Lösungen für unterschiedlichste Businessanwendungen, unter anderem für die Axpo und Avenir Suisse. CTO Toni Caradonna sagte, die neue Technologie erhöhe die Schwelle fürs Fälschen deutlich. Yves Schönenberger, CEO und Founder der Elblox AG, zeigte in seinem Referat auf, wie über die Blockchain-basierte Plattform der Firma die Konsumenten zu Produzenten werden.

«Alle sehen die gleichen Daten»

Martin Sprenger ist Stabsbereichsleiter des kantonalen Strassenverkehrsamts Aargau und Präsident des Vereins Cardossier. Letzterer wurde gegründet, um den Lebenslauf eines Fahrzeugs auf der Plattform Cardossier elektronisch abzubilden. «Blockchain hat den Vorteil, dass alle, die am Prozess beteiligt sind, die gleichen Daten sehen», sagte er. «Die Daten sind sicher und überprüfbar.» Die Technologie schaffe Transparenz bei allen Ereignissen im Lebenszyklus eines Fahrzeuges. «Wichtig ist dies vor allem auf dem Markt der Gebrauchswagen. Man sieht, was mit dem Fahrzeug bereits passiert ist». Noch aber seien nicht alle Formulare digitalisiert, beispielsweise im Import oder bei der Fahrzeugzulassung. Beides würde dem Kunden aber einen grossen Mehrwert bringen, ist sich Martin Sprenger sicher.

Im abschliessenden Panel diskutierten Expertinnen und Experten über die Auswirkungen von Blockchain auf Wirtschaft und Gesellschaft. Gut sei, so war man sich einig, dass die Diskussionen endlich über die Kryptowährungen hinaus gingen. Blockchain sei und könne viel mehr, sagte Stefan Jeker, Leiter des Innovations-Labors von Raiffeisen St.Gallen, wir stünden erst am Anfang. Für Toni F. Jacober von der Hypothekarbank Lenzburg ist Blockchain gar der «Game-Changer», es sei spannend zu sehen, was noch alles geschehen werde. Rolf Scheiber, CEO der Databoat AG, hofft, dass man durch die Blockchain wieder mehr Kontrolle über die eigenen Daten gewinne. Die neue Technologie sei aber nicht für alle KMU die beste Lösung, sagte Tina Balzli, Rechtsanwältin und Partner von PwC Legal Switzerland. Sie riet den Anwesenden genau zu analysieren, wo Blockchain im Unternehmen Verbesserungen bringen könne.

Zwischen den Referaten hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit für ein «Meet and Eat» bei den Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin in ihrem Atelier für Sonderaufgaben. Dort gab es den Film ihrer neuesten Kunstaktion «Verfädelisierung» zu sehen. Dabei werde das Gegenteil von Blockchain bearbeitet, sagte Frank Riklin, nämlich das Analoge gefördert.

Marion Loher