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FHS-Standpunkte: Jede Gesellschaft hat den öffentlichen Raum, den sie verdient

Jede Gesellschaft hat den öffentlichen Raum, den sie verdient

Von Christian Reutlinger*

Probleme mit dem öffentlichen Raum werden in jüngster Zeit in den Medien immer wieder diskutiert. Es geht dabei um Littering, die exklusive Nutzung einzelner Orte durch bestimmte Gruppen oder um zu viel Lärm in den Nachtstunden. Gleichzeitig mit diesen Problemen werden auch die unterschiedlichsten Massnahmen zu deren Behebung verhandelt, wie Wegweisungsartikel, Bussen, Videoüberwachungen, eine stärkere Polizeipräsenz, oder die Stärkung der sozialen Kontrolle zwischen den Nutzern und Nutzerinnen. In den lebhaften Diskussionen findet sich einerseits das Argument, kein Mensch dürfe aus dem öffentlichen Raum «vertrieben» werden – eben weil er öffentlich sei. Auf der anderen Seite wird wiederum argumentiert, bestimmte Personen müssten aus dem öffentlichen Raum «vertrieben» werden, damit er öffentlich und für andere zugänglich bleibe.

Der Gesellschaft aufgegeben
Es ist wichtig diese Diskussionen zu führen und sich darüber zu verständigen, was öffentliche Räume sein sollen. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass öffentliche Räume ganz entscheidend für die Entstehung und das Funktionieren demokratischer Gesellschaften waren. Orte dieses öffentlichen Lebens waren beispielsweise die Agora in Athen oder das Forum Romanum in Rom, an denen die Gegenwart und Zukunft der Gesellschaften mitgestaltet wurden. Gleichzeitig darf natürlich nicht verschwiegen werden, dass bereits in der Antike bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Frauen, Sklaven oder Kinder von dieser Teilhabe ausgeschlossen waren.

Aktuell ist die Bedeutung des öffentlichen Raums von durchaus gegenläufigen Entwicklungen geprägt: Indem Städte und Gemeinden innerstädtische oder innenstadtnahe Areale an Privatinvestoren verkaufen, erlangen Käufer das Grundstücks- beziehungsweise Hausrecht, erstellen „Hausordnungen“ und setzen diese durch private Sicherheitsfirmen durch. Kritisiert wird diese Entwicklung unter den Stichworten Privatisierung oder Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Dem gegenüber stehen Tendenzen wie die explizite Nutzung des öffentlichen Raums für politische Proteste oder künstlerische Interventionen, die als Rückeroberung des öffentlichen Raums bezeichnet werden. So pflanzen Bürger und Bürgerinnen beim „Guerilla-Gardening“ Blumen an verschiedene Stellen des öffentlichen Raums zu dessen Aufwertung. Oder es werden Aktionen des kreativen Strassenprotests durchgeführt, die mit der Bewegung „reclaim the streets“ assoziiert werden.

Diskussion über Vielfalt führen
Kreativität und Ideen sind gefragt, um lebenswerte und lebendige öffentliche Räume zu schaffen und zu erhalten. Jedoch sollte hier nicht nur der Spassfaktor im Vordergrund stehen, sondern auch die Geschichte öffentlicher Räume als wichtige Bestandteile demokratischer Gesellschaften in Erinnerung gerufen werden.

Zu städtischen öffentlichen Räumen gehört auch die Auseinandersetzung mit allen Gruppen, Schichten und Lebensstilen der Gesellschaft. Die ganze Breite der städtischen Gesellschaftsschichten tritt im öffentlichen Raum auf und haben auch alle ein Recht dazu. So forderte in einem kürzlich geführten Forschungs-Interview in der Stadt St.Gallen ein Mann, den man wahrscheinlich als „Punk“ bezeichnen könnte, als Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden. Es gäbe – so der Mann weiter – Seiten der Gesellschaft, die vielleicht nicht schön, aber dennoch Teil der Gesellschaft seien. Gruppen, die diese unschönen Seiten und Probleme aufzeigten, hätten ebenso Respekt als Mitglieder der Gesellschaft verdient wie andere.

Öffentliche Räume machen Gesellschaft in all ihren Facetten sichtbar. Die Diskussion müsste aber stärker als bisher darüber geführt werden, wie in einer demokratischen Gesellschaft sichtbare Vielfalt und Andersartigkeit nicht als fehlerhaft und störend eingestuft, sondern als Reichtum gesehen werden kann.

* Prof. Dr. Christian Reutlinger ist Forschungsleiter des Instituts für Soziale Arbeit IFSA und des Kompetenzzentrums Soziale Räume der FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
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