«Die Praxis Sozialer Arbeit wird ungemein davon profitieren»


«Transformation gestalten» – so lautet der neue Fokus des Masters Soziale Arbeit. Ab Herbst 2020 wird der Kooperationsstudiengang der Berner Fachhochule, der Hochschule Luzern und der FHS St.Gallen in neuem Format angeboten. Im Interview spricht Studiengangsleiter Marcel Meier Kressig über die Neuerungen, deren Impact für die Praxis und darüber, warum es jetzt eine Umstukturierung braucht.

Interview: Jasmina Henggeler/Jessica Künzle/Lea Müller

Seit zwei Jahren in Arbeit, ist es nun kommendes Herbstsemester soweit: Der Kooperationsmaster in Sozialer Arbeit ist fertig umstrukturiert. Wie verlief der Prozess? Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Marcel Meier Kressig: Die strategische Neuorientierung haben wir in der Kooperation mit der Berner Fachhochschule (BFH), der Hochschule Luzern (HSLU) und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) begonnen und nach dem Austritt von Zürich gemeinsam mit der BFH und der HSLU umgesetzt. Ein solcher Entwicklungsprozess stellt natürlich angesichts unterschiedlicher inhaltlicher Schwerpunkte, Hochschulkulturen und regionaler Besonderheiten eine grosse Herausforderung dar, ist aber auch enorm spannend und anregend. Weil uns drei Standorten ein überzeugendes und vor allem auch ein gemeinsames Angebot stets wichtig war, ist es uns gelungen, die Unterschiedlichkeiten in eine Stärke unseres Masters umzumünzen.

Warum brauchte es eine Umstrukturierung?

Meier Kressig: Seit dem Beginn des Masterstudiengangs 2008 haben sich die fachlichen und politischen Herausforderungen für die Soziale Arbeit stark verändert. Zudem wollten wir eine stärkere Ausrichtung auf anspruchsvolle Tätigkeiten und Funktionen in den verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit vornehmen. Fälschlicherweise wurde unser Master oft nur mit Forschung und Nachwuchsförderung assoziiert; es geht aber ebenso um eine theorie- und reflexionsgestützte Praxis, ohne die professionelles Arbeiten schlicht unmöglich ist. Und schliesslich sollten für die Studierenden die Möglichkeiten zur individuellen Profilbildung verstärkt werden.

Kurz zusammengefasst, was wird ab September 2020 neu sein?

Meier Kressig: Das Vertiefungsstudium wird sich grundlegend verändern. Wir verzichten auf die bisherigen Vertiefungsrichtungen und bieten stattdessen an jedem Standort drei thematische Module an. Aus diesem Angebot von neun Modulen können die Studierenden künftig je nach ihren Interessen und Berufsperspektiven frei auswählen. Die thematischen Module sind dabei so angelegt, dass sie auch kurzfristig auf Entwicklungen im Umfeld reagieren und aktuelle Themen aufnehmen können. In didaktischer Hinsicht legen wir ein grösseres Gewicht auf das eigenständige Erschliessen von Wissensinhalten. Konkret erfolgt dies verstärkt im Projektatelier und in der Forschungswerkstatt. Das letztgenannte Modul beispielsweise bezieht die Studierenden in aktuelle Forschungsprojekte und/oder Evaluationsstudien des Standorts ein. Aufgrund des Werkstattcharakters werden die methodischen Grundlagen projekt- und anwendungsspezifisch vermittelt und eingeübt. So entsteht ein Mix aus eigener Forschungstätigkeit sowie Inputs und Coachings durch die Dozierenden.

Vor einem Jahr wurde das Projektatelier eingeführt. Was ist die Idee hinter dieser Neuerung?  

Meier Kressig: Im Projektatelier lassen sich die Studierenden – nach ihrer Akquise eines Projektauftrags – auf einen strukturierten und reflektierten Prozess der Projektbearbeitung in einem realen Praxiskontext ein. Dahinter steht das Anliegen, dem konzeptionellen und projektorientierten Arbeiten ein grösseres Gewicht zu verleihen, was sich beispielsweise darin äussert, dass wir diesem Modul nun mehr ECTS-Punkte verleihen.

«Die Soziale Arbeit und ihre Professionalität wird permanent durch gesellschaftliche Transformationen herausgefordert. Wollen wir also eine hochstehende Professionalität in der Sozialen Arbeit, und wollen wir zudem, dass die Soziale Arbeit als eine seriöse Stimme im gesellschaftspolitischen Diskurs ernst genommen wird, dann müssen wir den Herausforderungen aktiv begegnen.»

Der Fokus des Masterstudiums liegt neu auf «Transformation gestalten». Welche Bedeutung hat Transformation in der Sozialen Arbeit?

Meier Kressig: «Transformation zu gestalten», sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen, statt sie nur passiv hinzunehmen, ist gleichsam der inhaltliche Anspruch an unser Angebot und damit auch die Erwartung, die wir unseren Absolventinnen und Absolventen mit auf den Weg geben. Dieser Fokus ist damit auch die inhaltliche Klammer der thematischen Module der drei Standorte, insofern es stets um eine Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozessen und deren Gestaltung zur Bewältigung Sozialer Fragen geht. So thematisiert etwa der Berner Schwerpunkt «Organisation, Führung und Kooperation» angesichts des Wandels die Handlungsmöglichkeiten von Führungs- und Fachkräften im spezifischen Kontext sozialer Organisationen sowie in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Der Schwerpunkt von Luzern «Versorgungssysteme im Sozialstaat gestalten» behandelt vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationen die Frage, wie neue Arrangements der sozialen Versorgung aus rechtlicher, politischer und ökonomischer Perspektive aussehen könnten.

Inwiefern nützt der St.Galler Schwerpunkt «Profession gestalten und Einfluss nehmen» den Studierenden im späteren beruflichen Umfeld? Was wird gelehrt?

Meier Kressig: Es ist offensichtlich, dass die Soziale Arbeit und ihre Professionalität permanent durch gesellschaftliche Transformationen herausgefordert wird. Das gilt für Theorie und Praxis gleichermassen. Wollen wir also eine hochstehende Professionalität in der Sozialen Arbeit, und wollen wir zudem, dass die Soziale Arbeit als eine seriöse Stimme im gesellschaftspolitischen Diskurs ernst genommen wird, dann müssen wir den Herausforderungen aktiv begegnen. Um das zu leisten, haben wir einen dreidimensionalen Zugang gewählt:

  • In einem Modul steht die (veränderte) Organisation Sozialer Arbeit im Mittelpunkt. Ausgangspunkt bildet eine kritische Analyse von Organisationen, inwiefern und in welcher Weise sie Professionalität behindern oder befördern können. Darauf basierend wird gemeinsam erkundet, was gute Organisationskonzepte auszeichnet, die den Adressatinnen und Adressaten ebenso dienen wie den Fachleuten.
  • In einem anderen Modul wird gelehrt, wie die Soziale Arbeit in ihrem Berufsalltag wie auch gesellschaftspolitisch stärker Einfluss nehmen kann. Gerade die Einflussnahme auf diesen Diskurs ist für die Praxis Sozialer Arbeit von höchster Relevanz. Wenn Soziale Arbeit einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung Sozialer Fragen leisten will, muss sie sich als Akteurin begreifen, die fundierte Analysen liefert, kluge Lösungsvorschläge erarbeitet und sich konstruktiv in den Meinungsstreit einbringt.
  • In einem dritten Modul liegt der Schwerpunkt schliesslich auf den Themen Entscheiden, Begründen und Verantworten. Die Studierenden lernen hier komplexe Entscheidungssituationen zu analysieren, Entscheidungsmodelle und -hilfen einzubeziehen sowie ethische und rechtliche Aspekte zu berücksichtigen, um die Entscheidungen professionell zu verantworten. Dabei üben sie auch, wie es gelingt, Lösungsstrategien bzw. Entscheide gegenüber anderen Expertinnen und Experten wie auch gegenüber Laien überzeugend zu vertreten.

Im Zusammenspiel dieser Module mit den Berner und Luzerner Angeboten können sich die Master-Studierenden Kompetenzen aneignen, die sie nicht nur persönlich voranbringen und gut gerüstet auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten. Darüber hinaus wird auch die Praxis Sozialer Arbeit davon ungemein profitieren.


Weitere Informationen finden Sie auf der gemeinsamen Webseite der drei Hochschulen zum Master in Sozialer Arbeit.