«Irritationen motivieren mich»

Mina Jakovljević ist derzeit als Wissenschaftliche Assistentin und Nachhilfelehrerin tätig. Seit 2018 absolviert sie das Master-Studium in Sozialer Arbeit. Die Sozialpädagogin erzählt, wie sie dazu kam, was «Lucky Luke» mit Geschichte zu tun hat und warum sie einem Literaturzirkel angehört.

Vor einer Schulklasse stehen und unterrichten: Das war Mina Jakovljevićs Plan. Schon als Mädchen wollte sie Lehrerin werden. «Für mich gab es nichts anderes», sagt sie, geboren 1991 und als Tochter von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien im sanktgallischen Altstätten aufgewachsen. «Vielleicht kam der Berufswunsch daher, weil mein Vater Lehrer war.» Nach der Fachmittelschule besuchte Mina Jakovljević – ganz nach Plan – die Pädagogische Hochschule in Rorschach. Nach und nach stellte sie fest, dass ihr das Studium nicht entsprach. Sie verliess die Schule mit dem Vorsatz, nie mehr etwas so strikt nach Plan zu machen.

Begegnungen auf Augenhöhe
Nach dem Abbruch des Studiums arbeitete Mina Jakovljević in einer geschützten Werkstatt als Aushilfe. «Dort habe ich zum ersten Mal gesehen, was Menschen mit Behinderung alles leisten und insbesondere, was sie einem beibringen können.» Ihr Bruder  habe sie dann auf das Studium der Sozialen Arbeit «ufäglupft». Im Februar 2015 begann sie mit dem Studium an der FHS St.Gallen. Und merkte schnell, dass sie in diesem Studiengang richtig war: «Als Bachelor-Studentin habe ich insbesondere die Diskussionskultur und die Begegnungen auf Augenhöhe mit vielen der Dozierenden geschätzt.» Sie sei wissbegierig, zielstrebig, organisiert, sagt Mina Jakovljević. Besonders interessiert sei sie an allem, was einen Menschen irritieren könne, etwa bestimmte Aussagen, Strukturen oder Menschenbilder. «Irritationen motivieren mich, einem Thema auf den Grund zu gehen, um es besser zu verstehen und schliesslich meinen Wissensstand zu erweitern.» Auch während des Bachelor-Studiums liess sie das Interesse für das Unterrichten nicht los. So absolvierte sie ihr zweites Praktikum in der Lehre des Fachbereichs Soziale Arbeit an der FHS St.Gallen. «Das war eine meiner besten Entscheidungen überhaupt. Ich durfte eine andere Rolle einnehmen und mich neuen Aufgaben stellen. Vor allem weiss ich seither, dass mich das Thema Lehren und Lernen mit Erwachsenen ebenfalls interessiert.» Zudem arbeitet sie seit ihrem letzten Bachelor-Jahr an der Ortega Schule als Nachhilfelehrerin in Einzel- und Gruppensettings.

Andere Schulkulturen, andere Studierende
Nach Abschluss des Bachelors merkte die St.Gallerin, dass sie weiter studieren wollte. «Die Zeit war so schnell vergangen, dass ich mir dachte, meine Studienzeit könne doch noch nicht vorbei sein.» Sie habe ihr bisheriges Wissen vertiefen und sich neues Wissen aneignen wollen, insbesondere Forschungsmethoden hätten sie interessiert. So besuchte Mina Jakovljević als Schnupperstudentin ein Seminar des Master-Studiums in Sozialer Arbeit. «Spätestens nach einer Stunde merkte ich: Dieser Master ist es, er entspricht meinen Zukunftsplänen mehr als der Master, den ich ursprünglich ins Auge gefasst hatte.» Im September 2018 begann sie mit dem Master-Studiengang. «Im Studium profitiere ich insbesondere davon, dass ich aufgrund der Kooperation der verschiedenen Hochschulen unterschiedliche Schulkulturen, neue Studierende und Dozierende kennenlerne», sagt sie. Daneben ist Mina Jakovljević als Wissenschaftliche Assistentin in der Lehre des Fachbereichs Soziale Arbeit der FHS St.Gallen tätig.

Ziel: Selbst Bücher schreiben
Von sich selbst sagt Mina Jakovljević, sie sei eine, die mit Herz und Seele bei Themen dabei ist, die sie interessieren – ob beruflich oder privat. So setze sie sich beispielsweise von Kindesbeinen an mit der Kolonialisierung der Welt durch europäische Nationen auseinander. «Als Kind habe ich Trickfilme wie Pocahontas und Lucky Luke geschaut, wobei es meinen Eltern ein Anliegen war, dass ich weiss, wie die indigene Bevölkerung vor der Ankunft des weissen Mannes gelebt hat. Und besonders, dass indigene Menschen nicht nur Trickfilmfiguren und Faschingskostüme sind, sondern echte Menschen, die auch heute noch existieren.» Mit dem Studium sei das auch mit der Kolonialisierung verbundene Thema «Privilegien» hinzugekommen, mit dem sie sich bis heute intensiv beschäftige.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist die Studentin zudem Mitglied eines sechsköpfigen Literaturzirkels. «Wir kommen alle aus verschiedenen Studienrichtungen. Das führt dazu, dass wir Bücher aus unterschiedlichen Fachrichtungen lesen und diskutieren. Ich  schätze es, dadurch andere Perspektiven und Argumentationsweisen kennenzulernen», erzählt sie. Eines ihrer Ziele ist, irgendwann selbst Bücher zu schreiben – «hoffentlich ganz bald, zuerst kommt aber der Master». Diesen schliesst sie voraussichtlich 2022 ab. Und was wünscht sie sich dann in beruflicher Hinsicht? «Mein Ziel ist, nachher in der Praxis sowohl Aufgaben im pädagogischen als auch im konzeptionellen Bereich nachzugehen.» Und auch das Unterrichten hat Mina Jakovljević nicht abgehakt – bloss würde sie dereinst wohl eher vor Studierenden statt vor einer Schulklasse stehen.