Raum für neue Gedanken

Eine besondere Woche von besonderen Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Das beweist die 5. Veranstaltungsreihe Kulturzyklus Kontrast der FHS St.Gallen einmal mehr. Mit eindrücklichen Bildern, Skulpturen, Erzählungen und Geschichten.

Schuss ins Hirn. So heisst das Bild, das Nathalie Cardano gemalt hat und in der Bibliothek der Fachhochschule St.Gallen am Abend des 6. Novembers von 110 Personen begutachtet wird. So düster der Titel klingt, ist das Bild nicht. Im Gegenteil. «Die Kunst hat meine Sicht verändert», sagt Nathalie, «ich werde als Mensch wahrgenommen, als Künstlerin, nicht als Patientin. Hier kann ich selbst entscheiden, was ich machen will». Nathalie Cardano ist seit etwa zwei oder drei Monaten in der Psychiatrischen Klinik Wil. So genau weiss sie es gar nicht, weil es für sie keine Rolle spielt. Sie hat in den Ateliers vom Living Museum Wil einen Ort gefunden, der ihre Krankheit in den Hintergrund rücken lässt, stattdessen ihre kreativen Fähigkeiten in den Fokus setzt. Und genau das ist das Ziel der Ateliers – Living Museum der Psychiatrie St.Gallen Nord in Wil: psychisch kranke Menschen zu Künstlern auszubilden. 

Man ist Künstler, nicht Patient
«Wir arbeiten nach der Philosophie des Living Museum New York», erklärt die Leiterin Rose Ehemann. Das innovative Konzept überzeugt seit 25 Jahren aufgrund seiner künstlerischen, therapeutischen wie auch ökonomischen Vorzügen. Inspiriert durch Hans Prinzhorn, der das hohe kreative Potenzial psychisch kranker Menschen als einer der Ersten entdeckte und in verschiedenen Ausstellungen dokumentierte. «Es geht hier nicht um eine Mitleidsschiene, sondern um authentische Kunst von Menschen mit kreativen Talenten», bekräftigt Rose Ehemann. Man sei hier einfach Künstler, die Krankheit spiele dabei keine Rolle. «Es ist ein Raum für neue Gedanken.» Wie das Bild «Schuss ins Hirn» entstanden ist, weiss Nathalie Cardano nicht mehr so genau: «Kunst passiert, dahinter steckt kein Konzept.» 

Werke, die Beachtung verdienen
Die Ausstellung der Ateliers – Living Museum Wil ist der Auftakt der 5. Veranstaltungsreihe Kulturzyklus Kontrast der Fachhochschule St.Gallen. In der Bibliothek zieren 108 kleine Eulen die Regale, kunstvolle Objekte hängen von den Decken runter, im 2. und 3. Stock hängen verschiedenartige Bilder an  den Wänden, vor der Mensa der FHS steht ein Gorillaskorpion, vor der Aula begrüsst Oli, ein Alien, die Studierenden. Die mannshohen Skulpturen sind aus Holz, Keramik und anderen Materialien gefertigt. Täglich begeben sich in den Ateliers über 100 Patienten in kunsttherapeutische Behandlung. «Die Kunst mag zwar eine therapeutische Wirkung haben für Menschen mit Beeinträchtigungen, für uns ist sie aber einfach nur Kunst. Hohe Kunst, die Beachtung in der Öffentlichkeit verdient», so Stefan Ribler, Initiant des Kulturzyklus Kontrast und Dozent der Sozialen Arbeit. Die bisher grösste Teilnehmerzahl an einem Kulturabend seit dem Start der Veranstaltungsreihe zeigt, dass diese alljährlich stattfindende Woche Früchte trägt. Oder wie es Rektor Sebastian Wörwag mit dem Zitat von Vincent van Gogh symbolisierte: «Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse: man kann gut darauf gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr.» Und so ist diese Woche ein guter Nährboden, um zu zeigen, welch bunter Strauss aus den Händen besonderer Menschen gedeiht. Sei es durch die Malerei, den Tanz, die Literatur oder den Film. Daran wachsen nicht nur die Künstler selbst, sondern auch die Menschen um sie herum.

Die Kunstwerke der Ateliers Living Museum Wil sind noch bis 7. Dezember an der FHS zu sehen.

Ausblick
Mittwoch, 7. November 2018, 19.30 Uhr, Lesung, «Durch den Wind», mit Autor Josef Schovanec
Donnerstag, 8. November 2017, 19.30 Uhr, Film, «Draussen im Kopf», anschliessend Gespräch mit Filmredaktor Alex Oberholzer und Sozialarbeiterin Sandra Messmer-Khosla
Freitag, 9. November 2018, 19.30 Uhr, Performance, mit Dergin Tokmak
Samstag, 10. November 2018, 19.30 Uhr, Theater, «HORA»
www.fhsg.ch/kontrast