Innovative und kreative Lernorte der Zukunft

Wie bereiten Primarschulen ihre Schülerinnen und Schüler am besten auf die Zukunft vor? Indem sie die sogenannten 21st-Century-Kompetenzen fördern. Zum Beispiel mit einem MakerSpace, einer Lern- und Experimentierumgebung, in der die Kinder mit analogen und digitalen Werkzeugen eigene Ideen entwickeln und umsetzen. In einem Kooperationsprojekt mit der PH Thurgau untersucht das IDEE-FHS, wie der Maker-Ansatz auf die Volksschule übertragen werden kann. Jetzt ist ein Buch erschienen, das sich der Frage widmet, warum, wie und unter welchen Bedingungen MakerSpaces an Schulen innovative und kreative Lernorte der Zukunft sein können.

Nicht-automatisierbare Fähigkeiten werden für ein erfolgreiches Morgen immer wichtiger. Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und die Fähigkeiten des kritischen Denkens, auch als 21st Century Skills bezeichnet, haben bereits den Status von Kulturtechniken. Immer häufiger experimentieren deshalb auch Schulen mit Maker-Ansätzen, um ihre Schülerinnen und Schüler optimal auf die Zukunft vorzubereiten. 

Tüfteln mit analogen und digitalen Werkzeugen

Was aber ist dieser Maker-Ansatz? «Unter Making verstehen wir den Prozess des selbstgesteuerten und spielerischen Tüftelns mit verschiedenen analogen und digitalen Werkzeugen und Technologien. Dieser Prozess geht stark von eigenen Ideen aus und führt zur Konstruktion von Objekten und Prototypen», erklärt Selina Ingold vom Institut für Innovation, Design und Engineering (IDEE-FHS) und Co-Leiterin des Forschungs- und Entwicklungsprojekts «Chance MakerSpace». In diesem Projekt an der Primarschule Thayngen untersucht das IDEE-FHS gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau, wie Making in der Schule integriert werden kann und welche Rahmenbedingungen es dazu braucht. Making findet dabei im MakerSpace statt, ein offener, experimenteller Denk- und Werkraum, der Lernenden die Ressourcen – wie Werkzeuge, Materialien, aber auch informeller Wissensaustausch – für das Umsetzen eigener Ideen und Projekte anbietet.

Probleme gemeinsam kreativ und innovativ angehen

Der Maker-Ansatz kommt aus dem Freizeitbereich. «Making gilt als Graswurzelbewegung kreativer Tüftlerinnen und Tüftler, die analoge und digitale Technologien nutzen, um gemeinsame Probleme zu lösen, innovative Produkte zu entwickeln oder die Haltbarkeit kommerzieller Produkte zu verlängern», sagt Selina Ingold. Als «Community of Practice» organisiert würden die Maker voneinander lernen sowie ihr Knowhow, ihre Ideen und Lösungsansätze teilen. 
Wegen hohen Anschaffungskosten und zu wenig Platz stossen sie im eigenen Hobby-Raum oft an Grenzen. Gemeinschaftlich betriebene, öffentlich zugängliche und gut ausgerüstete Fabrikationsräumen hingegen bieten den Tüftlern ganz andere Möglichkeiten. «Kooperation, der Austausch von Wissen und Erfahrung untereinander sowie mit einer weltweit vernetzten Community sind für das MakerSpace-Konzept ebenso wichtig wie die Verfügbarkeit von Maschinen für die digitale Fabrikation und Baumaterialien aller Art», erklärt Selina Ingold. Mit Hilfe von Kreativität und innovativen Ansätzen gehen die «Maker» alltägliche Probleme und Fragestellungen mit eigenen Lösungen an und wollen so aktiv ihre Umwelt gestalten.

Making wird immer öfter eingesetzt

MakerSpaces findet man heute bereits an vielen Orten, zum Beispiel in Bibliotheken, so etwa in der Stadtbibliothek Winterthur, in Jugendkulturhäusern wie das Dynamo Zürich, oder in Unternehmen, zum Beispiel The Garage von Microsoft, aber auch im Hochschulumfeld siehe Fablab Luzern oder die Werft 31 der FHS St.Gallen. «Das Making hat sich breit etabliert», sagt Selina Ingold.

Die Kinder übernehmen Verantwortung für den Lernprozess

Im Pilotprojekt mit der Primarschule Thayngen gehen die Forscher von der Hypothese aus, dass Making-Ansätze in Primarschulen nicht-automatisierbare Fähigkeiten wie Kreativität, Kollaboration und digitale Mündigkeit fördern. Für die Schule bietet sich der Maker-Ansatz aber auch an, weil er zum kompetenzorientieren Lehrplan 21 passt. Kompetenzen beschreiben, was die Schülerinnen und Schüler können müssen. Dabei denkt man vom Subjekt aus. Das Können zeigt sich darin, wie gut die Schülerinnen und Schüler ihr erworbenes Wissen in konkreten Situationen zielführend anwenden können. «Ein MakerSpace-Setting ist prädestiniert für den Erwerb und die Anwendung von Kompetenzen in komplexen Situationen. Beim Entwickeln und Konstruieren von Produkten übernehmen die Kinder die Verantwortung für den Lernprozess», erklärt Selina Ingold. Kompetenzorientierte Lehr- und Bildungspläne würden es Lehrpersonen bei der Auswahl konkreter Lerninhalte und Themen erlauben, auf die Neigungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler einzugehen. «Making im Sinne der Maker-Bewegung kann mit den Kompetenzvorgaben der Lehrpläne kompatibel sein, wenn stärker in fächerübergreifenden oder fächerverbindenden Settings gedacht wird und inhaltlich verwandte Kompetenzen aus verschiedenen Fächern im MakerSpace zusammengefasst werden.»

Nur mit motivierten und überzeugten Lehrpersonen gelingt Making

Damit der Transfer des Making in den Unterricht gelingt, braucht es – neben einer passenden Schulstruktur, Infrastruktur und entsprechenden Zeitfenstern – motivierte und vom Maker-Ansatz überzeugte Lehrpersonen. «Schulleitung und Lehrpersonen müssen sich auf die Grundsätze des Makings einlassen und diese im Alltag leben», betont Selina Ingold. Zu solchen Grundsätzen gehöre es beispielsweise, den Schülern Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit zu ermöglichen, Scheitern als Lernchance zu definieren sowie das Teilen und Kopieren von Lösungsansätzen als etwas Positives zu bewerten.

Making in der Schule als Buch

Was also passiert, wenn die Maker-Idee direkt auf die Schule trifft? Wie gross sind die Chancen und die Herausforderungen? Welche Rahmenbedingungen braucht es für ein erfolgreiches Making? Diesen und anderen Fragen geht das soeben erschienene Buch «Chance MakerSpace – Making trifft auf Schule» nach. Das Buch dokumentiert damit die gleichnamige Fachtagung vom 29. September 2018 in Stein am Rein. Die Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen zum einen ein auf Begriffe und Perspektiven rund um das Making. Zum andern beleuchten sie die Praxis und Erfahrungen aus dem Schulalltag und zeigen konkrete Umsetzungsbeispiele auf. Erschienen ist es bei kopaed, München, in Buchform und gleichzeitig als Open-Content-Version (CC-BY-4.0). 

Text: Andrea Sterchi

Das Institut für Innovation, Design und Engineering (IDEE-FHS) untersucht in einem Forschungsprojekt mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau, wie Making in die Schule integriert werden kann. An der Primarschule in Thayngen (SH) läuft der Pilotbetrieb eines MakerSpace. Mehr dazu lesen Sie hier.