Die Kunst, einen Wert zu bestimmen

Der tatsächliche Wert ist ausschliesslich derjenige, welcher jemand bereit ist zu bezahlen. Selbst wenn diese Erkenntnis nicht ausgesprochen wurde, so fand sie sich in vielen Referaten am 5. St.Galler Forum für Finanzmanagement und Controlling der FHS St.Gallen wieder. Ist es eine Kunst den Wert eines Unternehmens zu ermitteln und wie sehr ist es eine Kunst den Wert eines Kunstwerkes zu schätzen? Welchen Wert hat die Fintech-Szene für Schweizer KMU und wie bildet man den Wert von Beteiligungen in einem Jahresabschluss ab? Dies eine Auswahl der am Forum gestellten und beantworteten Fragen.

Vielleicht ist es ein Zeichen der Digitalisierung. Diese wahre binäre Welt, kann in einer trennscharfen 0 und 1 dargestellt und somit präzise formuliert, gemessen, gewertet und in Werte gefasst und quantifiziert werden. Prof. Dr. Sibylle Minder Hochreutener, Prorektorin der FHS St.Gallen und Leiterin des Fachbereichs Wirtschaft führt das Bedürfnis nach qualifizierten Werten auf die gesunkene Risikofreudigkeit zurück. Es werde angenommen, dass per Zahlen verglichen werden könne und dies zu sicheren, nachprüfbaren und besseren Entscheiden führe. Am 5. St.Galler Forum für Finanzmanagement und Controlling bemängelte sie diese sich selbst verstärkende Spirale: Wenn mehr Daten mehr Sicherheit versprechen, dann versprechen noch mehr Daten noch weniger Risiken. Tatsächlich sei, so die Prorektorin der FHS, das Streben nach Daten ein Megatrend. Damit würden aber nicht automatisch bessere Entscheide gefällt werden, sondern erst wenn es gelinge kritisch zu reflektieren, welche Indikatoren mit welcher Informationsqualität erhoben werden und was diese aussagen. Ohne diese Reflexion bestünde eine Scheingenauigkeit und die Entscheidungen seien nur vermeintlich besser.

Gerade beim Kauf eines Unternehmens spielt der Wert eine Rolle. Und «wer möchte schon die Katze im Sack kaufen?» fragte Prof. Andreas Löhrer, Verantwortlicher für die Fachtagung. Um zu Antworten bezüglich eines Wertes zu kommen, wird eine Due Dilligence durchgeführt. Doch, so Löhrer, «Bewertungen sind Meinungen». Als solche können sie realitätsnah und wahrheitsnah oder realitätsfremd sein. Wobei die Wahrheit vielleicht ganz einfach ist und diese auch jeder Händlerin und jedem Händler bekannt sind: Der wahre Wert ist der Preis, welcher Kaufende bereit sind zu bezahlen.

 

Der Preis ist immer eine Verhandlungssache

Was die verkaufende Instanz will und die kaufende bereit ist zu bezahlen, sei eine Verhandlungssache, meinte Malte Jantz, Mitglied der Geschäftsleitung Helbling Business Advisors AG. Ausgangslage ist eine erste Wertbestimmung. Aufgrund einer Risikobeurteilung werden Wertabschläge, aufgrund von Chancenbeurteilungen Wertzuschläge vorgenommen. Dieser Schritt der Bewertung von Risiken und Chancen geschieht als Teil einer Due Dilligence, welche gemäss Jantz ein zentraler Schritt in einem Transaktionsprozess sei. Die Due Dilligence präzisiert den in der Absichtserklärung festgehaltene Kaufpreisschätzung und bereitet diese zu einem verbindlichen Angebot auf. Im Verlaufe einer Due Dilligence müssen verschiedene Bereiche eines Unternehmens betrachtet werden und noch weitere sollten, so Jantz: Zum «müssen» zählt Jantz die Commercial, Financial, Legal und Tax-Bereiche, zum «sollten» die Bereiche HR, Technical, Environmental, IT und Real Estate.

Alle während einer Bewertung angewendeten Methoden führen zu einem Unternehmenswert bzw. zum Wert des Eigenkapitals. Die Methoden sind zwar wissenschaftlich abgestützt, aber die Beurteilung der Bewertungssituation hingegen ist keine präzise Wissenschaft. Trotz dieser fehlenden Wissenschaftlichkeit sei es wichtig, dass die verschiedenen Zahlen interpretiert und gegebenenfalls relativiert werden. So planen alle Unternehmen mit Wachstum und keines mit Schrumpfung. Es kann aber nicht jedes Unternehmen über dem Durchschnitt der Wirtschaftsentwicklung wachsen und je steiler die Wachstumskurve sei, umso besser müsse diese erklärt werden, so Malte Jantz. Die vergangene Entwicklung sei nach wie vor oft der beste Indikator, um eine Voraussage von der Zukunft zu machen. Vor diesem Hintergrund werden in der Due Diligence die in die Zukunft projizierte Geschäftsentwicklung kritisch hinterfragt. Denn allzu oft spielt seitens der verkaufenden Partei in solchen Situationen der Hockey Stick-Effekt: «In der Vergangenheit hatten wir Probleme, aber künftig werden die Umsätze durch die Decke gehen!»

Interessanterweise finden sich hier einige Parallelen zur Kunstwelt und zur Bewertung eines Kunstwerkes. Auch die Bewertung von Kunst erfährt eine Art von Due Dilligence, wobei die verschiedenen Punkte, welche zu beachten sind, den Brand der Künstlerin oder des Künstlers (Pionier, Kopierer, Erfinder, Genie, Kreativ, Entwickler), Zeitpunkt der Entstehung innerhalb der Kunst- und Künstlerbiographie, Stand in der Öffentlichkeit und in der Kunstgemeinde, Zeitgeschmack sowie die Auktionsdynamik umfassen, so die Aufzählung der wert- bzw., angesichts des letzten Punktes, preisbestimmenden Kriterien gemäss Cyril Koller vom Aktionshaus Koller. Die Schätzungen seien immer Annäherungswerte, welche aber unmittelbar überprüft oder korrigiert werden, sobald ein Kunstwerk versteigert wird: zu einem höheren oder einen der Schätzung ähnlichen Preis oder gegebenenfalls sogar zu keinem Preis, da sich die Expertinnen und Experten verschätzt haben.

 

Nur was digital ist, kann automatisiert werden

Auch die anderen Referate drehten sich um den Wert, zum Beispiel welchen Wert die Fintech-Branche für KMU bereithält. Gemäss Dr. Falk Kohlmann, Leiter Digital Banking bei der St.Galler Kantonalbank, seien bezüglich Digitalisierung zwei Strategien möglich: Das Kundenerlebnis zu verbessern oder die Prozesse im Hintergrund zu optimieren und effizienter zu machen. Er sieht grosse Unterschiede bezüglich deren Potential: Bevor Prozesse automatisiert werden können, müsse digitalisiert werden. Bezüglich Kundenerlebnis könne aber schon viel mit einer schönen Eingabemaske erreicht werden. Dies zeige sich auch darin, dass sich die Banken beispielsweise vornehmlich auf Privatkundinnen und -kunden konzentrieren und darauf, dass deren Erlebnis besser werde. Die Bankgeschäfte von KMU würde deswegen weniger beachtet, so Kohlmann, weil die Tätigkeiten der KMU eher rational durchgeführt würden und die Effizienz im Vordergrund stände. Ausserdem erwarten die KMU, dass die Banken mit der Lösung der KMU zusammenarbeiten kann, womit kein schönes Frontend notwendig sei, sondern eine funktionierende Schnittstelle.

Grundsätzlich empfahl Kohlmann allen Unternehmen die Digitalisierung in Angriff zu nehmen, vielleicht erst auf kleinem Niveau, um dann mit den Kundinnen und Kunden zu lernen, Verbesserungen zu tätigen und danach erst ein grosses Volumen anzustreben. Dabei sei es weniger vorhersehbar als früher, welche Lösungen sich durchsetzen werden. Eine gleichzeitige Investition in alles sei aber nicht möglich. Trotz diesen schwierigen Voraussetzungen sei es entscheidend frühzeitig zu starten und zu lernen, damit das Unternehmen nicht, wenn andere schon parat sind, alles zuerst noch erlernen muss.

 

St.Galler Forum für Finanzmanagement und Controlling