Zentrum für Ethik und Nachhaltigkeit ZEN-FHS

Forschung und Kooperation

Als Mitglied der Scientific Community beteiligt sich das ZEN-FHS an Forschungen zu generellen Aspekten der Angewandten Ethik und speziellen Aspekten der unterschiedlichen Bereichsethiken.

Gegenwärtig führt das ZEN-FHS das Forschungsprojekt «Partizipative ethische Entscheidungsfindung – BREF 2017 «Soziale Innovation»» durch. Dieses Projekt ist einer der sechs Gewinner der Jahresausschreibung 2017 «BREF – Brückenschläge mit Erfolg» – ein Kooperationsprogramm von Gebert Rüf Stiftung und swissuniversities. Projektpartner: Landscheide – Lebensraum und Arbeitsplatz (Wald- Schönengrund); Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL); Fachstelle zur Förderung der Selbstvertretung (Pro Infirmis St.Gallen, Appenzell, Thurgau- Schaffhausen); HPV Rorschach; züriwerk; insieme Schweiz; Amt für Soziales St.Gallen.

Selbstbestimmung und unabhängige Lebensführung haben einen zentralen Stellenwert für uns. Das gilt auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Die Betroffenen haben Rechte und Pflichten wie alle anderen auch – das ist spätestens seit Inkrafttreten des UNO-Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen eine unumstössliche Tatsache. 

Diese veränderte Sichtweise stellt ganz besondere Herausforderungen an Institutionen sowie Fach- und Unterstützungspersonen für Menschen mit Behinderungen. Das zeigt sich insbesondere dann, wenn es darum geht, dass alle gemeinsam moralische Fragen besprechen können, welche aus dem Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung und der Fürsorgepflicht erwachsen können. Das vorliegende Projekt nimmt diese Herausforderungen an. Es wird ein Instrument zur Bearbeitung von ethischen Fragen entwickelt, welches sich sowohl an Menschen mit und ohne kognitive Beeinträchtigungen wendet. Im Rahmen des Projektes werden zudem grundlegende inhaltliche Fragen der Bedeutung von Selbstbestimmung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung geklärt.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Die Projektanlage des Forschungs- und Entwicklungsprojekts ist genauso partizipativ wie die Projektgruppe selbst. Ziel der Entwicklung ist ein partizipatives Instrument zur Entscheidungsfindung, das in der Praxis der Betroffenen Anwendung findet. Gleichzeitig ist das forschungsmethodische Vorgehen partizipativ angelegt. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind also nicht nur Forschungsgegenstand, sondern Teil der Projektgruppe und damit (angehende) Lehrende und Forschende. Mehr..

«Selbstbestimmungsfähigkeit alter Menschen. Entscheidungshilfen für Interventionen durch die KESB» in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden in der Deutschschweiz und dem philosophischen Seminar der Universität Hamburg. Dieses Projekt ist einer der fünf Gewinner der Jahresausschreibung 2015 «BREF – Brückenschläge mit Erfolg» – ein Kooperationsprogramm von Gebert Rüf Stiftung und swissuniversities

Die KESB hat die Aufgabe, für das Wohl und den Schutz von hilfebedürftigen und vulnerablen Personen zu sorgen. Mit dem neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht wird der Selbstbestimmung der betroffenen Personen wesentlich stärker Beachtung geschenkt, als dies bislang im alten Vormundschaftsrecht der Fall war. Damit trägt der Erwachsenenschutz dem Umstand Rechnung, dass bei alten Menschen in jedem Fall eine hinreichende Selbstbestimmung vorgelegen hat, die allerdings zum Zeitpunkt einer möglichen Intervention in Frage gestellt wird. Mit dem Eingriff in die individuelle Freiheit wird ein hohes ethisches Gut berührt, wodurch die Legitimationsbedürftigkeit von Interventionen durch die KESB und der ihnen zugrundeliegenden Entscheidungen steigt. Massstab für die interdisziplinär zusammengesetzte Fachbehörde ist aber nicht nur der Umgang mit dem Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmung, sondern auch die Form und Qualität der Interdisziplinarität bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Die Entscheidungen beziehen sich auf Problemlagen, die keine vorgefertigten Lösungen i.S. von Handlungsrezepten zulassen, sondern immer eine Abwägung von sich oft widerstreitenden Optionen erfordern. Gerahmt von gesetzlichen Vorgaben, interdisziplinärem Professionswissen, ethischen Anforderungen und ökonomischen Mitteln ergibt sich ein Ermessensspielraum, in dem alle nicht sicheren Bestandteile der Entscheidungsfindung abgewogen werden. Auf diesen Prozess nehmen drei Faktoren Einfluss: die Emotionen der handelnden Personen, die Zeit (das Wohl der betroffenen Person hat einen doppelten Zeitbezug: Gegenwart und Zukunft) und die Ungewissheit (i.S. des Nichtwissens). Da diese Dimensionen nicht über empirische und/oder rationale Verfahren zu bändigen sind und eine Letzt-Orientierung fehlt, wird die professionelle Intuition i.S. einer praktischen Vernunft zur massgeblichen Kraft des Entscheids im Ermessensspielraum. Hierbei gilt es zu beachten, dass die Beschränkung des subjektiv-intuitiven Erfahrungswissens zu überschreiten ist, um die professionelle Intuition nachvollziehbar, überprüfbar und übertragbar zu machen. Durch die Verbindung dieser Elemente kann die professionelle Urteilkraft gestärkt und i.S. einer spezifischen Expertise auch gezielt geschult werden.
Das Projekt hat zum Ziel, auf dieser Grundlage Entscheidungshilfen im Erwachsenenschutz zu entwickeln, die den beteiligten Professionen sowohl Orientierung bei der Entscheidungsfindung bieten, als auch das Fällen eines Entscheides im Rahmen des Ermessensspielraums unterstützen.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?
In dieser Form liegt noch keine Entscheidungshilfe für den Erwachsenenschutz vor. Die meisten Studien im In- und Ausland beziehen sich eher auf die Phase der Abklärung, also auf die Vorphase des Entscheids. Zudem geht es mehrheitlich um Fragen zur Kindeswohlgefährdung. Problemstellungen im Bereich des Erwachsenenschutzes werden hingegen stark vernachlässigt. Es ist das Anliegen des Projekts, dass nicht einfach klassische Tools und Instrumente entwickelt werden, sondern gemeinsam mit den Projektpartnern nach neuen Formen von spezifischen Entscheidungshilfen gesucht wird. Dabei soll der Versuchung einer allein rationalistischen Lösung widerstanden werden, indem rationale Elemente mit Aspekten einer professionellen Intuition zu einem Modell einer praktischen Urteilskraft verbunden werden.