Hans Hartung und Roland Brauchli: Druckgrafiken. Ein Dialog in Strichen und Flecken

Die Ausstellung verschränkt Werke von zwei Künstlern, in denen der Augenblick des Entstehens essentiell und sichtbar ist. Die Werke sind Momentaufnahmen, manchmal in flüchtigen und manchmal in heftigen, kraftvollen Bewegungen.

Hans Hartung (1904–1989) achtete darauf, dass in seiner Malerei und in seinem druckgrafischen Werk keine Gegenständlichkeit festzumachen war. Die ausgestellten Lithografien und Holzschnitte druckte der damals rund 70-jährige Künstler in der Erker-Presse in St.Gallen. Den Drucken eigen sind sich überlagernde Schichten von Farbflächen, Strichen, Flecken. Hartung arbeitete manchmal mit kräftiger, manchmal mit zarter Geste aus einer auf dem Lithostein vorbereiteten Fläche Druckfarbe heraus, die dann auf dem Blatt als helle Striche, Linien, Flecken, Punkte sichtbar sind.

Der in London lebende St. Galler Künstler Roland Brauchli (*1976) wurde durch die Erker-Sammlung der FHS St.Gallen auf die Drucke von Hans Hartung aufmerksam und fand viel Verwandtes mit seinem eigenen Schaffen. Brauchli zeigt Radierungen und Drucke, die teilweise eigens für diese Ausstellung entstanden. Die Drucke sind Monotypien, die auf einer Offset-Andruckpresse entstanden. Brauchli zeichnet dabei auf eine Aluminiumplatte, von der ein Abzug gezogen wird. 

Während bei Hartungs Drucken oft der Lithostein form- oder charakterbildend ist, ist es bei Brauchli der Druckprozess. Brauchli wählt Papier bewusst als Objekt, es ist sowohl Arbeitsmaterial als auch Teil seines Werkes. Deshalb werden in dieser Ausstellung viele seiner Arbeiten ohne Rahmen gezeigt, damit die Materialität für die Betrachtenden sichtbar wird, sei sie entstanden durch absichtliche Risse oder aber auch durch zufällige Arbeitsspuren in Form von kleineren Unebenheiten auf dem Papier. Auch Fingerabdrücke werden mitunter Teil des Werkes, sie sind ebenso "marks" wie auch die Striche und Flecken in grosszügigen, schnellen Bewegungen.

Beide Künstler ringen sichtlich um die Bewältigung der weissen Fläche. In den Bildern stecken eine enorme Körperlichkeit und Energie – es wird eine Geste sichtbar. Die FHS St.Gallen lässt deshalb Hartung und Brauchli in einen Dialog miteinander treten und lädt die Betrachterinnen und Betrachter ein, sich individuell mit dem Werk auseinanderzusetzen. Dies ist wegen der Abstraktheit der Kunst einerseits eine Herausforderung, andererseits besteht gerade deswegen ein grosser Spielraum.