«Es war Hardcore-Networking nötig»

Sigmar Willi tritt als Leiter der FHS Alumni zurück. Er hat die Ehemaligenorganisation der Fachhochschule St.Gallen (FHS) gegründet und den Networking-Tag beeindruckend etabliert. Im Interview erzählt er über den entscheidenden Unterschied zu den Alumni-Organisationen anderer Hochschulen, wie er selbst «netzwerkt» und welchen Herausforderungen sich sein Nachfolger stellen muss.

Impressionen aus Sigmar Willis FHS Alumni-Zeit der letzten 15 Jahren.
 

Sigi, selbst wenn du es nicht gerne hörst: Auch du wirst älter. Wie setzt du deine übrigen Jahre vor der Pension ein, wenn nicht als Alumni-Leiter?

Sigmar Willi: Der äussere Schein trügt, ich bin eigentlich noch viel älter! Deshalb setze ich den Fokus für die restlichen Arbeitsjahre auf Lebensqualität und kröne mich zu meinem eigenen Chef (lacht). Ich mache mich selbstständig als Berater und Coach für persönliche Führungskompetenz. Ausserdem bleibe ich der FHS als Dozent im Teilzeitpensum erhalten.
 

Du bist der Gründer von FHS Alumni. Was motivierte dich damals, ein Netzwerk aufzubauen?

Meine intrinsische Motivation war schon immer das Interesse, wie es mit unseren Absolventinnen und Absolventen weitergeht. Wie entwickeln sie sich? Wo gehen sie hin? Wie gut sind ihre Karrierechancen? Aus meiner Sicht ist die Aus- und Weiterbildung von Menschen etwas vom Sinnvollsten überhaupt. Vor der Professionalisierung von FHS Alumni traf ich die Studierenden und Ehemaligen noch zufällig, an Events oder im Ausgang zum Beispiel. Danach konnte ich diesen Austausch quasi berufshalber pflegen. Zum Teil sind daraus auch echte Freundschaften entstanden.
 

Die Professionalisierung von FHS Alumni reichte von der Vereinsgründung bis zur Etablierung als Fachstelle der FHS. Wie erklärst du einem Laien den Unterschied?

Dieser Fakt ist entscheidend für uns als Organisation. Wir sind nach einem Vorbereitungsjahr im Jahr 2005 als Geschäftsstelle des Vereins St.Galler Alumni FHS Wirtschaft gestartet. Das war bereits ein grosser Meilenstein, denn dies bedeutete ein erster Schritt Richtung Professionalisierung. Ich wusste: Wenn wir ein langfristiges, überzeugendes Netzwerk schaffen wollen, müssen wir entsprechende Strukturen haben. Die Vereine konnten das nicht stemmen, es fehlten die Ressourcen. Damals gab es vier verschiedene an der Fachhochschule. Fünf Jahre, ein paar schwierige Generalversammlungen und viel Überzeugungsarbeit später, wurde die Fachstelle FHS Alumni gegründet. Alle Ehemaligenvereine der FHS vereint, strategisch im Organigramm der Fachhochschule aufgestellt, mit klaren Zielen und mit eigenem Beirat, der im Hochschulrat vertreten ist. Keine andere Universität oder Hochschule hat jemals ihre Alumni in ihren Organisationsstrukturen einbinden können – sie sind alle Vereine oder Stiftungen geblieben.
 

Was war dabei die grösste Herausforderung für dich?

Die Vereinsmitglieder zu überzeugen, dass wir sie nicht als blosse Marketing-Zielgruppe an die FHS binden wollen, sondern einen Ausgleich an Geben und Nehmen anstreben. Da brauchte es viel Geduld, Empathie, gute Dienstleistungsideen und Hardcore-Networking.
 

Wie betreibt der Gründer des Networking-Tag «networking» – hast du immer den passenden Spruch auf Lager, um das Eis zu brechen?

Als Sprücheklopfer würde ich mich nicht bezeichnen – aber es ist schon so, dass mir Small Talk leichtfällt. In meinem Job muss man Menschen mögen. Kontakte aufzubauen und zu pflegen ist dann nicht mehr so schwierig. Der persönliche Kontakt ist enorm wichtig.
 

Welchen Mehrwert bietet die FHS Alumni den Ehemaligen der Fachhochschule?

Sie bietet Ihnen eine Plattform zum Austausch. Events und Dienstleistungen wie Vergünstigungen oder Weiterbildungs-Rabatte gehören zum Standardangebot. Zudem erleichtert sie den Alumni, in Kontakt mit der Schule zu bleiben. Sei es an Anlässen an der FHS wie der Jahresversammlung oder dem Homecoming-Day. Oder aktiv, beispielsweise als Testimonials für die Kommunikation, als Partner für Institutsprojekte, als Ratgeber für die Studierenden bei der Berufswahl oder als Auftraggeber von Praxisprojekten der Wissenstransferstelle. Alle Alumni profitieren auch von einer Mitgliedschaft bei der FH Schweiz, der Standesorganisation aller FH-Absolvierenden.
 

Du hast den Networking-Tag ins Leben gerufen. Heute gehört er zu den grössten FHS-Anlässen. Worin liegt der Schlüssel zum Erfolg?

Mit dem Networking-Tag wollen wir gesellschaftsrelevante Diskurse aufgreifen und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Nicht nur Ehemalige sollen davon profitieren, sondern auch die Öffentlichkeit. Und natürlich soll Networking an der Party am Abend möglich sein – geprägt von Gedankenanstössen aus den Referaten und Podien. Dieses themenorientierte Konzept wird geschätzt. Bei der ersten Durchführung waren es rund 130 Personen, heute sind wir konstant bei über 700 Gästen, die teilnehmen.
 

Hört sich alles sehr erfolgreich an. Was sind die Schattenseiten, mit denen sich FHS Alumni auseinandersetzen muss?

Aktuell ist die grösste Challenge die Übertrittsquote, also die Studierenden nach ihrem Abschluss als Alumni zu gewinnen. Obwohl wir schon während ihres Studiums aufwändiges Community-Management betreiben, ist es schwieriger geworden, die Studierenden zu binden.
 

Wo liegen die Gründe?

Die Studierenden sind im Schnitt jünger als früher. Heute gehen viele direkt nach der Mittelschule ins Studium, danach auf Reisen. Also fehlt ihnen das Geld für die Mitgliedschaft. Ein zweiter Grund ist, dass immer mehr Studierende einen Master im in In- oder Ausland machen. Nach diesem Abschluss fühlen sie sich uns nicht mehr gleich zugehörig.
 

Diese Gegebenheiten lassen sich kaum ändern.

In der Tat. Deshalb versuchen wir nun, die Studierenden möglichst früh mit uns in Verbindung zu setzen und ihnen spannende Angebote zu bieten: Gratismitgliedschaft für ein Jahr, mehr Events für Studierende. Aber es ist eine Sisyphos-Aufgabe. Es ist extrem wichtig, dass wir innovativ bleiben und uns mit Leidenschaft darum bemühen, die Mitgliederzahlen nicht nur zu halten, sondern auszubauen. Heute zählen wir um die 1'800 zahlende Mitglieder und etwa gleichviel Studierendenmitglieder.
 

Ist die aktuelle Mitgliederzahl zufriedenstellend?

Ja, aber von allein wird sie nicht auf diesem Niveau bleiben. Diesen Herausforderungen stellt sich mein Nachfolger Michael Federer aber gerne.
 

Was gibst du ihm mit auf den Weg?

Ein grossartiges Team! Sonst braucht Michael keine Hilfe. Er ist kreativ, begeisterungsfähig und ein Netzwerker. Was ihm entgegenkommt, ist die digitale Transformation. In ihr werden die sozialen Kompetenzen der Menschen immer wichtiger. Kommunikation und Empathie lernt man nur unter Menschen. Und da bieten Netzwerke wie dasjenige der Alumni optimale Plattformen. Es gibt Kompetenzen, die sich maschinell nicht ersetzen lassen. Und das ist gut so. Mehr dazu aber in meinem Referat am Networking-Tag.
 

Freust du dich auf deine Selbstständigkeit?

Ja! Sehr sogar. Und man wird mich am einen oder anderen Alumni-Anlass auch in Zukunft antreffen. Nebst spannenden Events und freundschaftlichen Austausch unter Gleichgesinnten ist es auch ein guter Ort, mein Angebot zu streuen.
 

Sigi ist ab jetzt hier zu finden: www.sigmarwilli.ch 

Und am Networking-Tag vom 6. September 2019 spricht er in seinem Referat zum Thema «Menschliche Kernkompetenzen für die digitale Transformation».

Nun noch zur letzten Frage an Sigi: Brauchen wir heute noch «echte Netzwerke»?