Kinästhetik: Forschungsagenda für die ZukunftSymposium «Netzwerk Kinästhetik Forschung»

In der Praxis zeigt Kinästhetik seit langem einen hohen Nutzen – nicht nur für pflegebedürftige Menschen, sondern auch für die Pflegefachpersonen selbst. Somit ist es wichtig, die Wirksamkeit wissenschaftlich nachzuweisen und eine nachhaltige Implementierung sicherzustellen. Hierzu soll die neu erarbeitete Forschungsagenda wesentlich beitragen.

Symposium "Kinästhetik Netzwerk Forschung" 2019

Autorin: Dr. phil. Diana Staudacher

Wie kann ich die Bewegungskompetenz und Selbstwirksamkeit pflegebedürftiger Menschen gezielt unterstützen? Auf diese Frage antwortet das Handlungskonzept «Kinästhetik in der Pflege». Seit über zwanzig Jahren machen sich Pflegefachpersonen mit Kinästhetik als «Wissenschaft und Kunst der Bewegungswahrnehmung» vertraut – mit dem Ziel, die Eigenbewegung der Patient(inn)en in der Interaktion zu fördern. Es geht darum, Menschen zu befähigen, Bewegung selbst aktiv mitzugestalten, statt nur passiv «bewegt zu werden». Der Respekt vor der Selbständigkeit der pflegebedürftigen Person ist ein Leitprinzip von Kinästhetik. Es wirkt der Gefahr entgegen, Unselbständigkeit durch pflegerische Interventionen zu fördern und somit die Eigenbewegung des Menschen zu verhindern. Seit langem bestätigen Pflegefachpersonen, dass Kinästhetik auch ihr eigenes Verhältnis zu Bewegung tiefgreifend verändert. Sich selbst achtsam wahrzunehmen ist die Basis, um hilfreich mit anderen Menschen interagieren zu können. Somit ist Kinästhetik auch eine gelebte Haltung der Offenheit und des aufmerksamen Sich-Einlassens auf die Interaktion mit anderen. Wissenschaftlich nachzuweisen, wie, warum und unter welchen Bedingungen Kinästhetik wirkt, ist bis heute eine besondere Herausforderung. Vor diesem Hintergrund entstand 2012 eine Kooperation zwischen dem Institut für Angewandte Pflegewissenschaft der FHS St. Gallen, dem Verband «Kinaesthetics Schweiz» und der «European Kinaesthetics Association». Im Rahmen des «Netzwerk Kinästhetik Forschung» trafen sich 60 Kinästhetik-Aktivist(inn)en und Forscher(innen) aus der Schweiz, Österreich und Deutschland am 25.10.2019 zu einem Symposium in St.Gallen. Die Teilnehmenden konnten folgende Hauptbotschaften mitnehmen:

  • Bewegung ist ein Zugang zur Entwicklung des Menschen. Wer die Eigenbewegung einer Person unterstützt, trägt dazu bei, dass sie sich als Individuum entwickeln kann. Der Mensch ist ein Entwicklungswesen. Kinästhetik ermöglicht Entwicklung – via Bewegung.
  • Innovative Forschungsmethoden sind gefragt, um die Wirksamkeit von Kinästhetik nachzuweisen. Dabei ist es zentral, die verschiedenen Komponenten von Kinästhetik in ihrer Gesamtheit und Wechselwirkung zu betrachten. Hierfür bietet das Konzept der «Komplexen Intervention» momentan die besten Voraussetzungen.
  • Die neu entwickelte Kinästhetik-Forschungsagenda legt die Prioritäten für die Zukunft fest. Sie enthält drei Schwerpunkte, die sich a) auf Patient(inn)en/Klient(inn)en, b) auf Pflegefach-personen und c) auf die Implementierung von Kinästhetik beziehen. Das Symposium bot die Möglichkeit, den Entwurf der neuen Forschungsagenda gemeinsam zu diskutieren und vertieft auszuarbeiten.

Der Mensch als Entwicklungswesen

«Bisher dachte ich immer: Bei Kinästhetik geht es um Bewegung. Es geht nicht um Bewegung.
Es geht darum, die individuelle Entwicklung eines Menschen zu unterstützen – und der Zugang ist die Bewegung». Diese These stellte Stefan Knobel, Pflegeexperte, Kinaesthetics-Ausbildner und Präsident des Stiftungsrats «Stiftung Lebensqualität Schweiz», ins Zentrum seines Eröffnungsreferats. Er regte das Publikum dazu an, den Menschen als Entwicklungswesen zu sehen. Personen entwickeln sich und lernen – in jedem Alter. Das menschliche Gehirn ist plastisch und richtet sich ständig auf veränderte Anforderungen aus. Bewegung zu fördern, bedeutet somit immer auch, Entwicklung zu ermöglichen. Jeder Mensch hat seine persönliche, einzigartige Bewegungsgeschichte, so der Referent. Somit ist es wichtig, die «Ontogenese» – die individuelle Entwicklungsgeschichte eines Menschen – stets zu berücksichtigen. Deshalb kann es kein standardisiertes, «allgemeines» Anwendungsschema der Kinästhetik geben, um Bewegungskompetenz zu fördern. Das passende Vorgehen entsteht von Moment zu Moment – in der Interaktion zwischen Klient(in) und Fachperson. Es zählt zu den Kernkompetenzen der Pflege, die individuelle Eigenaktivität eines Menschen zu fördern, so Stefan Knobel. Falls dies nicht geschieht, «ist die Pflege ein Teil des Problems» – indem sie Unselbständigkeit unterstützt und dadurch Entwicklungsprozesse verhindert. Umso wichtiger ist es, Unterstützung stets an die individuellen Möglichkeiten einer Person abzustimmen. Das erfordert hohe Wahrnehmungsfähigkeit und Offenheit von Seiten der Fachperson.

Wie und warum wirkt die Intervention?

«Bisher haben wir nur wenige hochwertige Studien zur Wirksamkeit von Kinästhetik», betonte Prof. Dr. Heidrun Gattinger, Leiterin des Instituts für Angewandte Pflegewissenschaft und Co-Leiterin der «Fachstelle Rehabilitation und Gesundheitsförderung» an der FHS St.Gallen. Sie stellte den Stand der Forschung zu Kinästhetik im Überblick dar. In der Rückschau auf zwanzig Jahre Forschungsgeschichte zeigten sich vielfältige Herausforderungen. Traditionelle Untersuchungsmethoden stossen an ihre Grenzen, wenn es darum geht, die verschiedenen Komponenten von Kinästhetik zu erfassen. Denn es handelt sich nicht um eine «Technik», die ein bestimmtes Vorgehen vorschreibt. Dadurch ist es schwierig, die Wirksamkeit von Kinästhetik zu überprüfen. Hinzu kommt der starke Einfluss des Umfelds und der Interaktion zwischen Patient(in) und Fachperson. Die Frage «Wirkt die Intervention?» reicht also nicht aus. Ebenso wichtig ist es, herauszufinden, warum, wie und unter welchen Bedingungen sie wirkt. Ein zentraler Faktor ist auch die Kinästhetik-Kompetenz der Pflegefachperson. Um diese Kompetenz zu messen, stehen inzwischen zwei Instrumente zur Verfügung – das «Kinaesthetics Competence Observation Instrument» sowie die «Kinaesthetics Competence Self-Evaluation Scale». Zu den Besonderheiten der Forschung zu Kinästhetik zählt auch, dass sie stets «zwei Seiten» hat. Sie untersucht einerseits Ergebnisse und Erfahrungen der pflegebedürftigen Menschen. Andererseits richtet sich der Blick jedoch auch auf Pflegefachpersonen. Denn auch sie entwickeln Bewegungskompetenz. Angesichts dieser verschiedenen Facetten ergibt die bisherige Forschung zu Kinästhetik kein einheitliches Gesamtbild. Im Fokus stehen jeweils unterschiedliche Interventionen und Outcomes. Auch die Messinstrumente sind nicht identisch. Zudem ist es problematisch, nur den Nutzen und Effekt von Kinästhetik zu bestimmen. «Kompetenz, Wissen und Skills müssen wir ebenso berücksichtigen. Wichtig sind auch das Grundlagenverständnis und die offene, unterstützende Haltung der Pflegenden», so Heidrun Gattinger.

Der Komplexität gerecht werden

«Zu welchem Zeitpunkt sehen wir eine Wirkung – sofort oder erst später? Und welche Begriffe müssen wir operationalisieren?». Solche und weitere Fragen stellte Prof. Dr. Virpi Hantikainen, Adjunct Professor, Institut für Pflegewissenschaft Universität Turku/Finnland, in ihrem Referat über «Herausforderungen in der Forschung zu Kinästhetik». Sie wies darauf hin, dass sich «Kinästhetik nicht anhand von Einzelfaktoren untersuchen lässt». Nicht nur Intervention und Endpunkte sollten im Fokus der Evaluation stehen. Es gilt auch, die Dynamik des Prozesses miteinzubeziehen. Zudem verdient auch der Kontext einer Intervention Aufmerksamkeit. Beispielsweise ist die Pflegeperson-Klienten-Beziehung stets ein Teil der Intervention. Der Weg von einer Kinästhetik-Intervention zum Outcome ist häufig nicht geradlinig, sondern verzweigt – und in der Regel sehr lang. Denn Kinästhetik umfasst zeitintensive Lern- und Entwicklungsprozesse. Es braucht Wochen und Monate, um Verhalten zu verändern und Kompetenzen zu erwerben. Somit sind langfristige Perspektiven in der Forschung gefragt. Um der Wechselwirkung verschiedener Komponenten gerecht werden zu können, eignet sich ein Konzept momentan am besten: die «Komplexe Intervention». Im Fokus steht das Zusammenspiel der einzelnen Elemente einer Intervention. Wie die verschiedenen Bestandteile mit dem Umfeld interagieren, kommt ebenfalls zur Geltung. Ein so anspruchsvolles Forschungsfeld wie Kinästhetik erfordert einen intensiven Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis. Dabei ist es zentral, Themenfelder festzulegen, die für die Praxis besonders wichtig sind. Diese Themen sollten ins Zentrum der Forschung rücken. Die Ergebnisse können dann in die Praxis ausstrahlen und sie optimieren. Prioritäten setzen, Schwerpunkte festlegen und besonders dringenden Untersuchungsbedarf ermitteln – dafür eignet sich eine Forschungsagenda. Insbesondere die vielfältigen Komponenten von Kinästhetik «rufen geradezu nach einer Forschungsagenda», wie Prof. Dr. Hanna Mayer, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft, Universität Wien, betonte. Ihr Referat «Eine Forschungsagenda – wozu?» leitete über zum zentralen Programmpunkt des Symposiums – zur Diskussion der neu entworfenen Forschungsagenda.

Die Agenda als Wegweiser

In den Workshops diskutierten die Netzwerkmitglieder die Themen der Agenda. Dabei gingen sie auch auf die Herausforderungen ein, die beim Erforschen dieser Themenfelder auftreten können:«Wir konnten sehen, dass sich die Entwicklung der Bewegungskompetenz jeweils unterschiedlich auswirken kann – bei pflegebedürftigen Personen und bei Fachpersonen. Es ist wichtig, dass wir uns mit Faktoren auseinandersetzen, die sich auf die Bewegungskompetenz förderlich oder hinderlich auswirken», meinte eine Trainerin. Die Teilnehmenden setzen grosse Hoffnungen in die Forschungsagenda: «Dank der Agenda können wir erkennen, wo wir Grundlagenwissen erarbeiten müssen und welche Prioritäten für die Forschenden wichtig sind. Ich wünsche mir, dass wir durch die Agenda mehr Forschungsbelege zur Wirksamkeit von Kinästhetik erhalten». 

Zukunftswichtige Prioritäten setzen

Zwischen Juni und August 2019 konnten 131 Kinästhetik-Fachpersonen via Online-Befragung auswählen, welche Themenfelder aus ihrer Sicht verstärkt in den Fokus der Forschung rücken sollten. Prof. Dr. Heidrun Gattinger stellte die Umfrageergebnisse vor und erläuterte den aktuellen Entwurf der Forschungsagenda.

Für das Themenfeld «Patient(inn)en/Klient(inn)en/betreute Personen» sind folgende Schwerpunkte vorgesehen:

1. Wirkung von Kinästhetik

  • auf Mobilität (Gangsicherheit, Sturz, Spastizität, Kontraktion u.a.)
  • auf innere Prozesse (Atmung, Verdauung, Schlucken u.a.)

2. Förderung der Bewegungskompetenz

  • Fähigkeiten, Ressourcen und Kompetenz erfassen
  • Herausforderungen beim Entwickeln der Bewegungskompetenz

3. Wirkungszusammenhänge und grundlegende Prinzipien

  • Bewegungslernen in tieferen Positionen: Hierarchie der Kompetenzen
  • Wechselwirkungen zwischen Wahrnehmungs-, Steuerungs- und Bewegungsprozess.

Für das Themenfeld «Pflegefachpersonen» ermittelten die Netzwerkmitglieder hohen Forschungsbedarf in Bezug auf die folgenden beiden Aspekte:

1. Umsetzung von Kinästhetik

  • Einflussfaktoren auf die Kinästhetik-Kompetenz
  • Bildungsthemen zur Lernentwicklung bei Pflegenden

2. Wirkung von Kinästhetik

  • auf die Gesundheit/Lebensqualität der Pflegenden
  • auf die Pflegequalität.

Im Themenfeld «Implementierung» waren fünf Aspekte für die Befragten besonders relevant:

1. Rahmenbedingungen

  • Förderliche und hinderliche Faktoren
  • Gesetzliche Grundlagen/Finanzierung

2. Kompetenzentwicklung

  • Rolle der Kinästhetik-Trainer(innen)

3. Implementierung von Kinästhetik als Prozess

  • Evaluierung der Barrieren
  • Massnahmen zur Nachhaltigkeit

4. Rolle der Führungspersonen

  • Unterstützende Massnahmen auf Führungsebene

5. Ökonomische Wirksamkeit

  • Prävention von Kosten auf Seiten der Pflegefachpersonen.