An Kunst und Kultur gewachsen

Eine besondere Woche von besonderen Menschen mit besonderen Fähigkeiten: Das beweist der Kulturzyklus Kontrast der FHS St.Gallen einmal mehr. Die fünfte Durchführung der Veranstaltungsreihe verzeichnet mit rund 600 Gästen einen Besucherrekord.

Der diesjährige Kulturzyklus Kontrast an der Fachhochschule St.Gallen hat den Besucherinnen und Besuchern wieder Einblicke in das künstlerische Schaffen von Menschen mit Beeinträchtigungen gewährt. Die bisher grösste Teilnehmerzahl seit dem Start der Veranstaltungsreihe zeigt, dass diese alljährlich stattfindende Woche Früchte trägt. Oder wie es Rektor Sebastian Wörwag mit dem Zitat von Vincent van Gogh symbolisierte: «Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse: man kann gut darauf gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr.» Und so ist diese Woche ein guter Nährboden, um zu zeigen, welch bunter Strauss aus den Händen besonderer Menschen gedeiht. Sei es durch die Malerei, den Tanz, die Literatur oder den Film. Daran wachsen nicht nur die Künstler selbst, sondern auch die Menschen um sie herum.

Kunst mit therapeutischer Wirkung

Den Auftakt machte das Living Museum Wil mit der Ausstellungseröffnung. In der FHS-Bibliothek zieren kunstvolle Objekte die Regale und hängen von den Decken runter, im 2. und 3. Stock sind verschiedenartige Bilder an den Wänden zu sehen, vor der Mensa der FHS steht ein Gorillaskorpion, in der Aula begrüsst Oli, ein Alien, die Studierenden. Die mannshohen Skulpturen sind aus Holz, Keramik und anderen Materialien gefertigt. Alle Kunstwerke wurden von Patienten in kunsttherapeutischer Behandlung in den Ateliers erstellt. «Die Kunst mag zwar eine therapeutische Wirkung haben für Menschen mit Beeinträchtigungen, für uns ist sie aber einfach Kunst. Hohe Kunst, die Beachtung in der Öffentlichkeit verdient», so Stefan Ribler, Initiant des Kulturzyklus Kontrast und Dozent der Sozialen Arbeit. Die Kunstwerke der Ateliers Living Museum Wil sind noch bis 7. Dezember an der FHS zu sehen. Weitere Informationen auch in der Wiler Zeitung.

Spannende Einblicke in die Welt eines Autisten

Am zweiten Kulturabend stellte der Autist Josef Schovanec sein Buch «Durch den Wind» vor. Er ist Politikwissenschaftler und Doktor der Philosophie sowie Absolvent einer der renommiertesten Universitäten Frankreichs. Er beherrscht zehn Sprachen – als Kleinkind hingegen sprach der Autist mehrere Jahre gar nicht. Der soziale Umgang mit anderen Menschen aber sei ihm ein Rätsel, oft sogar Heuchelei, wie er im Gespräch am Kulturzyklus sagte. Die Lesung zeigte eindrücklich, wie das Buch von Josef Schovanec den Blick auf den Autismus nachhaltig verändert. 

Der Film «Draussen in meinem Kopf», der am dritten Kulturabend gezeigt wurde, war für das Publikum herausfordernd, was im anschliessenden Podiumsgespräch mit Filmredaktor Alex Oberholzer und Silvia Knaus deutlich wurde. Das deutsche Drama, das von einem Schwerkranken, der vom Hals abwärts gelähmt ist, und seinem Pfleger handelt, ist etwas langatmig erzählt. Ein Besucher sagte dazu: «Ich fand den Film von der Geschichte her eher langweilig, aber von den transportierten Themen her hochrelevant.» 

Tanz und Theater in der vollbesetzten Aula

Am vierten Kulturabend war Dergin Tokmak alias StiX zu Gast am Kulturzyklus. Der Deutsche tanzt seit seinem 12. Lebensjahr und das erfolgreich, spektakulär – und auf Krücken. Weil er als kleines Kind an Kinderlähmung erkrankte, lernte er nie zu gehen. Das hinderte ihn allerdings nicht daran zu tanzen – mit internationalen Erfolgen. Das Publikum des Kulturzyklus war begeistert von Dergin Tokmaks Auftritt. «Seine Lebensfreude und das endlose Vertrauen in seine Zukunft haben mich sehr berührt», sagte eine Besucherin. 

Den Abschluss des diesjährigen Kulturzyklus machte das mittlerweile international berühmte Theater HORA aus Zürich. Es ist das bislang einzige professionelle Theater der Schweiz, dessen Ensemblemitglieder alle eine geistige Beeinträchtigung haben. In der bis auf den letzten Platz besetzten Aula des Fachhochschulzentrums zeigte das Ensemble eine Premiere: Selbst gemachtes Genrekino, live vor Ort gespielt, dann direkt auf die Leinwand projiziert. Weitere Informationen auch im Tagblatt-Bericht.

Patronatsträgerinnen des Kulturzyklus Kontrast sind die Raiffeisenbank St.Gallen, die Stutz AG und die Firma Redline. Die Übersetzung der Einladung zum Kulturzyklus in «Leichte Sprache» wird vom Amt für Gesellschaftsfragen der Stadt St.Gallen unterstützt. Weitere Unterstützerin ist Migros Kulturprozent.