Programmieren, sozialisieren, diskutieren – Berufswahl entgegen der Tradition?

Frauen als Ingenieurinnen? Männer als Sozialarbeiter? Im Rahmen des Nationalen Zukunftstages veranstaltet die Fachhochschule St.Gallen jährlich einen «Perspektivenwechsel». Damit bietet sie Mädchen und Jungs Einblick in zwei Fachrichtungen, die laut Tradition atypisch für ihr Geschlecht sind. Vergangenen Donnerstag haben sich 25 Schülerinnen mit Technik und 19 Schüler mit dem Thema Soziale Arbeit befasst.

Rot, gelb, blau, grau, schwarz – die Lego-Mindstorms-Teilchen erinnern an einen bunten Mix aus Smarties. 25 Schülerinnen der Mittelstufe stehen um die Tische herum, gebeugt über eine Roboterbauanleitung. Allesamt haben sie sich dazu angemeldet, im Rahmen des Nationalen Zukunftstages an der Fachhochschule St.Gallen (FHS) in das von Männern dominierte Ingenieurswesen einzutauchen und einen Roboter zu programmieren.

Mädchen sind technikaffin

«Die Mädchen zeigen sich alle sehr interessiert, motiviert und engagiert», sagt Jörg Bachmann, Dozent der FHS St.Gallen am Institut für Innovation, Design und Engineering IDEE-FHS. Zusammen mit seiner Kollegin Esther Federspiel, Projektleiterin des Zukunftstages an der FHS St.Gallen, führt er das Programm für die Mädchen bereits zum dritten Mal durch. «Entgegen der verbreiteten Meinung haben Mädchen überhaupt keine Berührungsängste mit Technik.» Laut Bachmann würden sie im Vergleich zu gleichaltrigen Jungs sogar lösungsorientierter und mit «mehr Biss» arbeiten.

Während der Zukunftstag der Mädchen unter dem Zeichen von Robotern, Technik und Computern – vermeintlichem «Jungskram» – steht, rückt bei den Jungs das Thema Soziale Arbeit in den Fokus. Bei der Vorstellungsrunde zeigt sich aber: Im Gegensatz zu den Mädchen befassen sich die Jungs nicht immer aus eigenem Effort mit dem weiblich angehauchten Berufsfeld: «Meine Mutter hat mich angemeldet», «ich bin hier, damit ich nicht zur Schule muss» – so einige Schüler über den Grund ihrer Anwesenheit. Eine Minderheit kann sich vorstellen, später sozial tätig zu sein.

«Neues ausprobieren, Perspektive erweitern»

Auch wenn nicht alle Schüler aus intrinsischer Motivation am Programm teilnehmen, sieht Thomas Knill, Dozent im Fachbereich Soziale Arbeit und Organisator des Zukunftstages an der FHS St.Gallen, im «Perspektivenwechsel» eine Chance für die Heranwachsenden: «Ziel ist, Neues auszuprobieren, Neues zu erfahren. Wir wollen die Berufswahlperspektive der Schülerinnen und Schüler erweitern.»

Diese Perspektive zu erweitern, gelingt den Organisatoren. Ein Junge staunt: «Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Berufe und Berufsfelder in der Sozialen Arbeit gibt.» So gibt es Sozialarbeitende etwa in der Schule, im Altersheim, in der Psychiatrie, der Kindertagesstätte oder der Logopädie.

Zusätzlich eruiert die Gruppe der 11- bis 13-Jährigen im Plenum den Begriff der Sozialen Arbeit sowie Charaktereigenschaften, die eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter für diesen Beruf mitbringen muss.

Valida-Besuch versus Roboterrennen

Im Rahmen einer Lehreinheit lernen die Jungs am Beispiel eines Films die Kinderrechte kennen. Zusätzlich besuchen sie das Unternehmen Valida, das Menschen mit Behinderung Arbeits- und Wohnplätze bietet. Auch hier das Ziel der FHS St.Gallen, den Schülern dieses eher «frauenlastige» Arbeitsfeld auf unterschiedlichen Ebenen näherzubringen und sie dadurch für soziale Berufe zu sensibilisieren.

 

Bei den Mädchen steht am Nachmittag das Programmieren an. Es gilt, den Roboter so schnell wie möglich durch ein Labyrinth zu navigieren. Der Gruppe mit dem schnellsten Gefährt winkt eine Belohnung. «Wir haben beim Programmieren darauf geachtet, dass die Sensoren richtig eingestellt sind, damit der Roboter im richtigen Moment eine Vierteldrehung macht», sagt ein Mädchen. Dies sei herausfordernd und lustig gewesen: «Mal hat er eine Pirouette gemacht, mal ist er gar nicht erst losgefahren, mal in die Wand gekracht.» Um 15 Uhr gilt es aber ernst: Die Roboter starten nacheinander auf der Rennbahn. Siegerzeit: 8,4 Sekunden – und drei Mädchen dürfen sich über ihren Schokoladen-Preis freuen.

«Umdenken müsste stattfinden»

Der Vorbehalt, Mädchen wären nicht technikaffin und Jungs gegenüber der Sozialen Arbeit abgeneigt, konnte am Zukunftstag der FHS St.Gallen widerlegt werden. «Bei der Mehrheit der Teilnehmenden sehe ich grosses Potenzial», sagt Bachmann. Um berufsbedingte Klischees aber gänzlich aus der Welt zu räumen, würden Zukunftstage allein nicht ausreichen. «Bereits in der Grundbildung müsste ein Umdenken stattfinden. Junge Menschen werden von klein an unbewusst damit bespielt, welche Berufe ihrem Geschlecht typisch sind und welche nicht.» Dies sei stark gekoppelt an die Erziehung und das Schulsystem und geprägt durch das (soziale) Umfeld.

Mit ihrem Programm am Zukunftstag versucht die FHS St.Gallen diesen Stereotypen entgegenzuwirken. Dabei gehe es nicht darum, alle Jungs zu Sozialarbeitern und alle Mädchen zu Ingenieurinnen zu machen, sagt Thomas Knill. «Aber vielleicht entdeckt die eine oder der andere Freude an diesem Beruf.»

Und dies sollte in diesem Jahr gelungen sein. Denn ein Junge sagt am Ende des Tages: «Wenn ich gross bin, will ich etwas Soziales machen. Ich will Menschen helfen und Streit schlichten.»

Text und Fotos: Jasmina Henggeler