Der Soziale Wandel in verschiedenen Ländern

Die Soziale Arbeit verändert sich. Doch wie sieht dieser Wandel in der Ukraine oder Bosnien-Herzegowina aus? An einem internationalen Symposium an der Fachhochschule St.Gallen diskutierten Studierende, Dozierende, Wissenschaftler und Fachkräfte aus diesen Ländern über die «Soziale Arbeit als Seismograf für Sozialen Wandel».

Yaroslava und Kate sind zum ersten Mal in St.Gallen. Den beiden Ukrainerinnen gefällt, was sie bisher von der Stadt gesehen haben. «Es ist so sauber und schön ruhig hier», schwärmt die 22-jährige Kate. Überrascht habe sie allerdings, dass die Geschäfte so früh schliessen, fügt sie an. Das sei in ihrer Heimat anders. Kate und ihre 20-jährige Kollegin Yaroslava kommen aus Chernihiv, einer Stadt rund 140 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit etwa 300 000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Die beiden jungen Frauen studieren an der Universität von Chernihiv Soziale Arbeit. Nach St.Gallen sind sie auf Einladung der Fachhochschule St.Gallen (FHS) gekommen, die seit längerem in einem internationalen Projekt mit der Universität Chernihiv zusammenarbeitet. Bei diesem Projekt handelt es sich um ein weltweites Intensivprogramm, das von der Schweizer Agentur für Austausch und Mobilität Movetia finanziert wird. Zusammen mit anderen Studierenden und Dozierenden aus der Ukraine sind Kate und Yaroslava derzeit für knapp zehn Tage zu Gast in der Ostschweiz. Organisiert wurde der Austausch von den beiden FHS-Dozenten Stephan Schlenker und Steve Stiehler.

Initiiert hatten das Projekt Ruedi von Fischer und das International Office Soziale Arbeit der FHS. Der langjährige FHS-Dozent im Fachbereich Soziale Arbeit verstarb jedoch im vergangenen November überraschend. Aus diesem Grund ist der diesjährige Anlass ihm und seinem unermüdlichen Einsatz für die internationale Zusammenarbeit gewidmet, wie Steve Stiehler sagte.

Die Rolle der Sozialen Arbeit

Zum Auftakt fand am vergangenen Donnerstag und Freitag ein internationales Symposium statt, wobei das übergeordnete Thema «Soziale Arbeit als Seismograf für Sozialen Wandel und Soziale Bedürfnisse» aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wurde. «Ziel der Konferenz ist es, einen multiperspektivischen Ansatz zum Sozialen Wandel aufzuzeigen und gleichzeitig die Rolle der Sozialen Arbeit zu veranschaulichen», sagte Stephan Schlenker. Dabei wurden aber nicht nur die Situationen und Herausforderungen in der Ukraine und der Schweiz geschildert und verglichen, sondern auch jene in anderen Ländern wie Albanien oder Bosnien-Herzegowina. Edmond Dragoti, Professor an der Universität in Tirana, beispielsweise sprach zum Thema «Albanische Sozialarbeiter als Zufallsagenten» und seine Berufskollegin Tetiana Syla von der Universität Chernihiv bot einen Überblick der aktuellen sozialen Veränderungen in der Ostukraine.

Sanela Basic, Professorin an der Universität in Sarajevo, ging in ihrem Referat auf den Sozialen Wandel in ihrem Heimatland ein und fokussierte dabei auf das gewichtige Thema Armut. Auch 25 Jahre nach Kriegsende lebten in ihrem Land 16,3 Prozent der Bevölkerung – rund 506 000 Personen – unter der Armutsgrenze, sagte sie. Am meisten betroffen seien Kinder, Jugendliche und Menschen im Alter 65+ sowie die ländliche Bevölkerung. Was aber kann die Soziale Arbeit in einer Gesellschaft wie dieser tun? Diese Frage hatte die Professorin einer kleinen Gruppe Sozialarbeitern in ihrem Land gestellt. Die meisten hätten Armut als normal und individuelles Problem bezeichnet, sagte sie. Zudem hätten sie angegeben, dass die Problemlösung nicht in ihren Händen liege. «Diese Denkweise hat mich sehr traurig gemacht», sagte sie, «und muss geändert werden.»

Viel Lob für die Veranstaltung

Am Symposium hatten rund 60 Wissenschaftler, Dozierende, Professionelle und Studierende aus Chernihiv, Gomel in Weissrussland, St.Gallen und anderen europäischen Städten teilgenommen. Anna Shatirko aus Chernihiv war auch dabei. Die 32-Jährige fand die Vorträge und Diskussionen sehr interessant und lehrreich. Dadurch habe sie einen anderen Blick auf die unterschiedlichen Probleme bekommen, sagte die Ukrainerin, die in ihrer Heimat zwei eigene und sieben Pflegekinder betreut. Auch Kate und Yaroslava sind voll des Lobes für die Veranstaltung. «Wir haben viele neue Informationen, Daten und Statistiken präsentiert bekommen. Das können wir sicherlich gut für unsere Masterarbeit brauchen», so die beiden Studentinnen. FHS-Dozent und Mitorganisator Stephan Schlenker ist ebenfalls sehr zufrieden mit dem Anlass. «Ich denke, es ist uns gut gelungen, die Soziale Arbeit in ihrer Mehrschichtigkeit zu erfassen und den Spagat zwischen acht Nationen und verschiedenen Fachkräften, Studierenden, Forschenden und Universitätslehrenden zu meistern.»

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind mittlerweile wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Für die ukrainischen Studierenden findet noch bis am kommenden Freitag die Summer School im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen statt. Dabei werden in verschiedenen Gruppen die Tagungsthemen des Sozialen Wandels wie Familie und Armut sowie deren mögliche Anbindung an die Soziale Arbeit vertieft.

Text: Marion Loher

Weitere Informationen im Bericht des St.Galler Tagblatts