Wie Gemeinden ohne Lokaljournalismus kommunizieren

Ist die lokale Demokratie in Gefahr? Was passiert mit den Entscheidungsprozessen auf kommunaler Ebene, wenn die Lokalmedien immer weniger darüber berichten? Und wie sollen Gemeinden in Zukunft kommunizieren? Diese und weitere Fragen standen am 25. Oktober 2019 im Zentrum der 9. Ostschweizer Gemeindetagung an der Fachhochschule St.Gallen. Angemeldet hatten sich rund 100 Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertreter aus der ganzen Schweiz.

«Wir wissen stets, was Donald Trump twittert, aber kaum noch, was vor der eigenen Haustüre passiert.» Mit diesen Worten begrüsste Lineo Devecchi, Co-Leiter des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden der Fachhochschule St.Gallen, die Teilnehmenden der 9. Ostschweizer Gemeindetagung. Rund 100 Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertreter hatten sich angemeldet, um an der Fachhochschule St.Gallen über das Thema «Global vernetzt – lokal entwurzelt?» zu diskutieren. Ziel der Tagung war es, herauszuarbeiten, wie eine bürgernahe Gemeindekommunikation gelingen kann.

Mit dem digitalen Wandel stehen die Gemeinden vor neuen Herausforderungen: Immer mehr Medienhäuser legen ihre Lokalredaktionen zusammen. Die Zahl der Leserinnen und Leser von Lokalmedien nimmt ab. Es wird immer weniger über lokalpolitische Gegebenheiten berichtet. Informationen für Sachabstimmungen werden nicht mehr kontrovers journalistisch diskutiert. Als Folge geht die Wahlbeteiligung auf kommunaler Ebene zurück. «Mit Social Media hat sich ausserdem das Kommunikationsverständnis verändert», sagte Lineo Devecchi. «Früher wurde einseitig kommuniziert, also etwa seitens der Gemeinde. Heute sind die Bürgerinnen und Bürger dank Twitter und anderen sozialen Netzwerken nicht mehr nur Empfängerinnen und Empfänger, sondern auch Senderinnen und Sender.»

Ohne Lokaljournalismus keine Wahlbeteiligung

Das Thema haben auch die Medien selbst aufgegriffen. So titelte die NZZ am Tag der 9. Ostschweizer Gemeindetagung «Auch Dorfkönige brauchen Kontrolle». Der Artikel beschreibt, wie Gemeinden entstandene Lücke im Lokalberichterstattung mit eigenen Zeitungen zu füllen versuchen. Das Resultat sei meist Behördenpropaganda statt differenzierte Berichterstattung.

Eigene Zeitungen herauszubringen ist allerdings nur eine von drei Handlungsoptionen, die Gemeinden haben. Das zeigte Daniel Kübler, Professor für Demokratieforschung an der Universität Zürich, in seinem Inputreferat an der FHS auf. Weitere Möglichkeiten sind gemäss Kübler: Gemeinden könnten sich zusammenschliessen und gemeinsam unabhängige Stiftungen wie die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG gründen und dadurch ein unabhängiges Medium finanzieren. Des Weiteren könnten Gemeinden auf das Potential der Digitalisierung setzen und dieses gezielt nutzen. Kübler hatte in einer empirischen Studie von 2018 erstmals belegt, dass die Wahlbeteiligung abnimmt, wenn durch Einstellung und Zusammenlegung von Regionalzeitungen weniger über Gemeinden berichtet wird. Er hatte dafür 408 Gemeinden in sechs Agglomerationen untersucht.

Tüüfner Poscht – eine unabhängige Dorfzeitung 

An der 9. Ostschweizer Gemeindetagung wurde deutlich: Die Gemeinden brauchen innovative Lösungen. In den Workshops wurde auf vier solche Vorzeigeprojekte eingegangen, darunter auch die «Tüüfner Poscht», eine unabhängige Dorfzeitung in der Gemeinde Teufen. Die Zeitung wurde 1995 in privater Initiative lanciert. Das Redaktionsteam besteht aus dem Chefreaktor Timo Züst und sechs freischaffenden Personen. Die Gemeinde unterstützt die Dorfzeitung jährlich mit einem Betrag von 140'000 Franken, was rund einem Drittel der Kosten entspricht. Der übrige Betrag setzt sich hauptsächlich aus Inserateneinnahmen zusammen.

Im Zentrum des Workshops stand die Diskussion der Teilnehmenden mit Chefredaktor Timo Züst. Wie findet man engagierte Personen, die eine solche Zeitung gründen? Hält sich die Gemeinde tatsächlich komplett aus der Themengewichtung und Berichterstattung heraus? Soll man auch über die umliegenden Orte berichten, oder sich nur auf die eigene Gemeinde konzentrieren? Ist das Modell überhaupt replizierbar? Timo Züst nannte die wichtigsten Punkte, die es für den Erfolg einer unabhängigen Dorfzeitung braucht: Eine strikte und auf die Gemeinde beschränkte Themenwahl, redaktionelle Unabhängigkeit, eine Kennzeichnung eigener Berichte und von Gastbeiträgen, Attraktivität und Angebote der Gemeinde aufzeigen und den Leserinnen und Lesern auch «harte» Geschichten wie einen ausführlichen Artikel über einen Zonenplan zutrauen.

Systematisches Wissen fehlt

Das Beispiel der Tüüfner Poscht sei bislang in der Ostschweiz eine Ausnahme, sagte Patrick Aeschlimann vom Ostschweizer Zentrum für Gemeinden in seinem Inputreferat. Er stellte in einem gemeinsamen Referat der FHS und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) aktuelle Forschungsergebnisse zur Kommunikation von Ostschweizer Gemeinden vor. «Es gibt bislang noch kein systematisches Wissen darüber, wie Ostschweizer Gemeinden heute kommunizieren», sagte er. Im Rahmen eines FHS-Pilotprojektes wurde daher die Kommunikation in fünf Gemeinden analysiert. Einige Erkenntnisse sind laut Aeschlimann: Viele Kommunikationsverantwortliche haben keine oder nur eine rudimentäre Ausbildung in Kommunikation. Die Ressourcen sind in den verschiedenen Gemeinden sehr unterschiedlich. Sie liegen zwischen 10 und 40 Stellenprozent. Vier der fünf analysierten Gemeinden haben ein Gemeindeblatt. Dafür geben sie zwischen 10'000 bis 140'000 Franken pro Jahr aus. Partizipative Prozesse und der Miteinbezug der Bevölkerung werden immer wichtiger und häufiger durchgeführt. Künftig wollen FHS und ZHAW ihre Ressourcen in der kommunalen Kommunikationsforschung bündeln. Peter Stücheli-Herlach, Professor für Organisationskommunikation und Öffentlichkeit an der ZHAW, sagte dazu: «Diese Forschung ist wichtig, weil Gemeindekommunikation das versteckte Fundament unseres Staates, aber dennoch wahnsinnig schlecht erforscht ist.»

40 Jahre politische Kommunikation 

Den Abschluss der Tagung bildete das Referat von Hans Altherr, alt Ständerat Appenzell-Ausserrhoden und alt Gemeindepräsident von Trogen. Er berichtete von persönlichen Erfahrungen aus 40 Jahren politischer Kommunikation und erzählte von missglückten Interviews und den Lehren, die er daraus gezogen hat. «Überlegen Sie sich immer eine Kurz- und eine Langfassung von dem, was Sie berichten wollen», riet er den Tagungsteilnehmenden. Ausserdem müsse nur schon beim Anschein einer Krise der oberste Chef informiert werden, damit dieser auf Anfragen von Journalisten vorbereitet sei.

Die wichtigsten Aspekte der 9. Ostschweizer Gemeindetagung fasste Christoph Niederberger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV) zusammen. Das Beispiel der Tüüfner Poscht habe ihn beeindruckt, da die Gemeinde damit direkt und einfach alle Bürgerinnen und Bürger erreiche. Gemeinden, die nicht über eine solche Möglichkeit verfügen, riet er, sich für Kommunikationsprojekte zusammenzuschliessen. «In einigen Jahren werden die Behörden nur noch elektronisch und über Plattformen kommunizieren. Es gibt immer mehr private Anbieter solcher Angebote. Da macht es Sinn, mit anderen Gemeinden zusammenzuarbeiten.»

Text: Nina Rudnicki