«Ältere Menschen brauchen besonderen Schutz»

Gewalt an Frauen im Alter hat viele Gesichter und ist nach wie vor ein Tabuthema. Dies zeigte eine Fachveranstaltung an der FHS St.Gallen, die im Rahmen der nationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» durchgeführt wurde.

Eine ältere Frau wird von ihrer Pflegerin als Schwein beschimpft. Eine 75-Jährige ist nach einem Schlaganfall abhängig von ihrem Lebenspartner und wird zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Eine andere Frau fühlt sich durch die «Hilfe» der Schwiegertochter «wie fremdgesteuert», da diese alles über den Kopf der 72-Jährigen hinweg entscheidet.

Diese drei Beispiele aus der Praxis zeigen, wie viele Gesichter Gewalt an Frauen im Alter hat. Über dieses Thema und was dagegen getan werden kann, wurde am 10. Dezember an der Fachhochschule St.Gallen mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutiert. Die Veranstaltung fand im Rahmen der nationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt und wurde von Gabriella Schmid, Professorin und Dozentin Fachbereich Soziale Arbeit an der FHS, geleitet.

Schmid beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit «Gewalt an Frauen». «Das Thema Gewalt im Alter wird nach wie vor tabuisiert», sagte sie in ihren einleitenden Worten. «In der Öffentlichkeit ist es praktisch nicht präsent. Auch, weil die wenigsten Betroffenen darüber reden.» Mit dieser Veranstaltung wolle man verstärkt auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen.

Hohe Dunkelziffer

Katja Rießenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Altersforschung der FHS, hatte in den USA zu «Screening Tools zur Identifizierung von Gewalt im Alter» geforscht. Sie sagte, es gebe unterschiedliche Formen von Gewalt. Diese reichten von körperlicher und sexueller Gewalt über seelische und finanzielle Gewalt bis hin zu Vernachlässigung. Die Folgen können unter anderem Körperverletzungen, starke emotionale und psychische Belastung, Verlust der Familiensolidarität und finanzieller Ruin sein.

«Weltweit gesehen sind etwa 141 Millionen Menschen betroffen, in der Schweiz rund 300 000 Personen, wobei die Dunkelziffer hoch ist», sagte Rießenberger. Gemäss einer Studie würde nur einer von 24 Fällen gemeldet. Gründe hierfür seien seitens der älteren Erwachsenen vor allem Unwissenheit, Demenz und kognitive Einschränkungen und Einsamkeit. Deshalb sei es wichtig, dass Fachpersonen wie Hausärztinnen und -ärzte, Spitex-Mitarbeitende oder Pflegende eine mögliche Gefährdung frühzeitig erkannten. Helfen könnte ihnen dabei ein Screening-Tool aus Israel, das von Rießenberger in den USA weiterentwickelt wurde. Dabei werden älteren Menschen zwischen 10 und 40 Fragen gestellt, die das Missbrauchsrisiko genauer abschätzen lassen können.

Mehr darüber reden

In der anschliessenden Diskussionsrunde teilten die Expertinnen und Experten aus der Praxis die Erfahrung, dass sich die Betroffenen selten selber bei den Facheinrichtungen meldeten. Meistens seien es besorgte Angehörige, Hausärzte oder Spitex-Mitarbeitende, die auf sie zukämen, sagte Monika Reinhardvon der Opferhilfe St. Gallen, AR und AI. Viele Betroffene – die meisten seien Frauen – hofften, dass sich der Partner doch noch ändert oder würden beispielsweise psychische Gewalt nicht als Gewalt bezeichnen.

Rahel Lutz von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Herisau bedauert, dass ältere Menschen keinen allzu hohen Stellenwert in der Gesellschaft hätten. «Diese Haltung muss dringend korrigiert werden», sagte sie. «Ältere Menschen sind eine genauso vulnerable Gruppe wie Kinder und brauchen ebenfalls einen besonderen Schutz.»

Wichtig sei deshalb, so Fred Haslimann von der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA), dass ältere Menschen nicht als Objekt, sondern als Subjekt gesehen werden – und dass Betroffene über das Thema reden. Viele Täter würden nämlich darauf vertrauen, dass das Geschehene nie ans Licht kommt, weil nicht darüber gesprochen werde.

Text: Marion Loher