Lebt wohl ihr LiebenRückblick zu "Letzte Lieder"

Die FHS St.Gallen und die Olma Messen St.Gallen haben mit Stefan Weiller eine Schweizer Premiere seines erfolgreichen deutschen Projekts gefeiert: «Letzte Lieder und die Welt steht still». Still war es dann auch in der Olma Halle oft, trotz über 600 Teilnehmenden, denn die Geschichten über die Sterbenden berührten.

Letzte Lieder

Im Saal der Olma Halle 2.1 ist es mucksmäuschenstill. Gespannt blicken die über 600 Teilnehmenden zur Bühne, wo der deutsche Schauspieler Christoph Maria Herbst, der Schweizer Schauspieler Samuel Weiss und die Schweizer Schauspielerin Ursela Monn sitzen. Dann beginnt Monn vorzulesen: «Aufgewachsen ist sie in Basel. St.Gallen ist ihre geliebte Heimat. Aber wenn die Basler Fasnacht im Fernsehen übertragen wird, dann blitzen die Kindheitserinnerungen auf und erhellen ihr Gemüt wie Laternen im Morgenstreich. Sie spürt dann diese unvergleichliche Stimmung, die über Basel liegt. Sie ist ein grundheiterer Mensch. Trotz allem, was sie an Schwerem durchgemacht hat. Als ihr Mann starb zum Beispiel. Sie schweigt für einen Moment. Wenn gar nichts mehr geht, Musik geht immer. Sie knipst sie an und dann sind die Erinnerungen da. Emmentaler, das ist ein Industriekäse für Deutsche. Das Beste daran sind die Löcher. Kaufen Sie lieber einen Appenzeller. Ich bin einmal in meinem Leben geflogen und kann alle nur warnen. Während des 2-stündigen Fluges habe ich fünfmal gebrochen. Da habe ich beschlossen, die Schweiz nie mehr fliegend zu verlassen. In meiner Familie wird gebrochen. Meine Söhne, als sie klein waren, bei jeder Fahrt. Kotzen bis Italien, kotzen bis zur Bretagne und zurück. Und die Empfehlung, den Kopf aus dem Autofenster zu strecken, habe ich meinen Kindern nur einmal gegeben. Wir hatten versäumt, ihnen zu sagen, dass sie nicht gegen die Windrichtung brechen sollen. Was hat das Kind geweint mit all dem Appenzeller im Haar. Das Auto haben wir stundenlang geputzt. Der Geruch blieb bis Weihnachten. Ach, waren das schöne Zeiten mit den Kindern, auch wenn sie nur gebrochen haben. Sterbehilfe finde ich gut. Lebenshilfe noch besser. Und wir Schweizer haben ja zum Glück die Wahl.»

Der Junge, der bald sterben muss

Die Geschichte der Baslerin, die in St.Gallen sterben wird, ist nur eine der 21 Geschichten, die die drei Schauspieler vorlesen, am Vorabend des St.Galler Demenz-Kongresses der Fachhochschule St.Gallen und den Olma Messen St.Gallen. Es handelt sich um die Aufführung des erfolgreichen deutschen Projekts «Letzte Lieder und die Welt steht still» - an diesem Abend zum ersten Mal in der Schweiz. Dafür hat Initiator Stefan Weiller mehrere Menschen in regionalen Hospizen, Spitälern oder zu Hause besucht. Er spricht mit den Sterbenden über das Leben und den Tod. Eine Frage lautet: Welche Musik ist Ihnen kostbar und was verbinden Sie damit? «Manchmal höre ich den Menschen zwei bis drei Stunden zu, lausche ihren Erinnerungen und schreibe daraus die Geschichten», so Weiller. Die Geschichten dieses Abends gehen den Zuhörenden unter die Haut. Es wird gelacht, getanzt und gesungen. Aber es wird auch geweint. Zum Beispiel wegen Ole, der kleine Junge, der bald sterben wird, der sich den Himmel mit grünen Sternen ausmalt und keine Ahnung vom Tod hat. Nur die Eltern quälen immer wieder dieselben Fragen: Warum Ole? Warum wir? Während Menschen in die Taschentücher schnäuzen, erklingt im Saal das Lied «Weisst du, wie viele Sternlein stehen». Gesungen vom Konzertchor St.Gallen, dessen Stimmen an diesem Abend mehrmals mitten ins Herz treffen.

Das Desaster beim ersten Rendez-vous

Doch Weiller weiss um die Emotionen der Zuhörenden und sogleich erhellte sich die Stimmung wieder, als Christoph Maria Herbst die Geschichte von einem Mann erzählte, der bei seinem ersten Rendez-vous ziemlich gelitten hat. Nicht wegen seiner Angebeteten, sondern wegen ihres Menüs. Es gab Maultaschen, Flädle und saure Kutteln. Sie kochte das extra für ihn, weil er Deutscher ist. Wie er sein Lied hätte betiteln können: «Jedem Böhnchen ein Tönchen». Fluchtartig verabschiedete er sich, um bei seiner Liebsten keine peinliche Aktion erleben zu müssen. Sie aber betrachtete ihn als ausserordentlichen Gentleman, weil er ging, ohne gleich beim ersten Treffen Sex haben zu wollen. Dass er darauf hoffte, verschwieg er natürlich. Der Wunsch erübrigte sich ohnehin mit dem Menü. Später heirateten sie. Es ertönte das Lied: «O Jesu, o Meister, zu helfen, zu dir» von J. S. Bach.

Erfolgreiche Schweizer Premiere in St.Gallen

Weiller versprach, dass der Abend alles andere als eine Trauerfeier werde. Und er behielt recht. Die Teilnehmenden im Saal tanzten zwischen tiefer Berührung und Heiterkeit hin und her – wie die Geschichten selbst. Das Leben wurde gefeiert, wie er es mit den letzten Liedern in vielen deutschen Städten beabsichtigte und am 12. November auch in St.Gallen erreichte. Die Schweizer Premiere war ein voller Erfolg. Nachdenklich, sicherlich aber auch mit einer etwas anderen Sicht auf das Leben und den Tod verliessen die Menschen den Saal. Im Hinterkopf wohl noch die letzten Worte dieses Abends, ein Auszug einer Geschichte von einer weiteren Person, die im Sterben lag: «Hast du Angst vor dem Tod?», fragte mich meine Freundin. Darauf antwortete ich: «Ich bin glücklich, dass ich lebe und neugierig auf das, was kommt. Und sterben müssen wir doch alle. Deshalb ist es nicht so sehr die Frage, wie wir sterben, sondern wie wir leben. Und wenn die Besucher aus der Tür gehen, verabschiede ich sie mit einem alten Gruss: Lebt wohl ihr Lieben.»