«Mein Herz schlägt für die onkologische Pflegeforschung»

Beate Senn hat die letzten sechs Jahre das Institut für Angewandte Pflegewissenschaft IPW-FHS der FHS St.Gallen geleitet. Nun will sie ihren Fokus wieder vermehrt auf die Onkologie setzen und arbeitet ab März 2019 als Professorin an der neu gegründeten Fachstelle Onkologie. Im Interview erzählt sie von Highlights und Herausforderungen.

Beate Senn, in sechs Jahren stellen Bauarbeiter eine Staumauer hin. Was haben Sie in der Pflegewissenschaft erreicht?

Beate Senn: Pro Jahr erarbeiteten wir rund 30 Publikationen, 30 Vorträge, 20 Abstracts, 20 Poster, ein Buch, diverse Medienberichte. Ausserdem arbeiten wir jährlich an über 30 Projekten und konnten im Jahr 2018 vier Doktoratsprojekte erfolgreich abschliessen. Zusammengefasst heisst das: Unser Institut hat in den letzten sechs Jahren eine ganze Menge an Wissen in der Pflegeforschung generiert und der Praxis zur Verfügung gestellt.

Zum Beispiel?

Senn: Unser Nationales Kompetenzzentrum für Evidenzbasierte Pflege (swissEBN) hat mit der Dienstleistung «FIT-Nursing Care» zum Beispiel über 1’000 Studien bewertet und stellt diese der Praxis zur Verfügung. Damit können sich Pflegefachpersonen über den aktuellen Wissensstand zu den unterschiedlichsten Pflegeproblemen informieren – evidenzbasiert und auf Deutsch.

Welches sind für Sie die Höhepunkte, die Sie mit dem Institut erlebt haben?

Senn: Generell denke ich, ist es uns gelungen, unsere 14 Schwerpunkte wie z.B. Demenz, Onkologie, Rehabilitation etc. erfolgreich zu etablieren. Daraus sind drei Fachstellen und ein Kompetenzzentrum entstanden, die von Expertenteams betreut werden. Dank diesem Ausbau sind wir fähig, mehr Projekte zu stemmen, Innovationen für unsere Gesellschaft und entsprechend mehr Wissen für die Praxis zu generieren. Aber ganz grundsätzlich: Jede einzelne Erkenntnis, die wir erforscht haben, ist ein Highlight, da sie zu einer verbesserten Versorgung unserer Patientinnen und Patienten sowie deren Familien beiträgt.

Wie hat sich die Vernetzung mit der Praxis in den vergangenen Jahren entwickelt?

Senn: Die vertragliche Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern, z.B. an Universitäten im In- und Ausland oder Akademie-Praxis-Partnerschaften konnten wir in den letzten Jahren auf zehn erhöhen und damit mehr als verdoppeln. Als Fachhochschule wollen wir praxisnah sein, und genau das leben wir auch. Bei uns hat jedes Projekt Praxispartner auf allen Ebenen: Bund, Kanton, Gemeinde und Privatwirtschaft. An unseren jährlichen Anlässen wie der Mai-Anlass oder der St.Galler Demenz-Kongress bieten wir Personen aus verschiedensten Gesundheitsinstitutionen Einblicke in neuste Erkenntnisse.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial im Institut?

Senn: Die Digitalisierung beschäftigt uns bereits seit einiger Zeit. Aus meiner Sicht braucht es weitere didaktische Konzepte, um das generierte Forschungswissen in die Praxis und in die Lehre fliessen zu lassen. Wir brauchen weitere Massnahmen wie zum Beispiel neue Bewertungsinstrumente für neue Studiendesigns, Apps, um Pflege- und Lernprozesse zu optimieren oder Lernportale. Diese würden Pflegefachpersonen in Praxis, Forschung und Lehre dienen.

Die Arbeit scheint Ihnen nicht auszugehen, trotzdem treten Sie nun als Institutsleiterin zurück. Wie kamen Sie zu diesem Entscheid?

Senn: Ich möchte meiner Familie mehr Zeit widmen. Der Entscheid fiel mir sehr schwer, da mir die Funktion als Institutsleiterin stets sehr viel Freude bereitet hat. Die Zusammenarbeit mit einem hoch motivierten und talentierten Team, das Gestalten der strategischen Ausrichtung und das Kreative haben mir besonders gefallen. Ich schätze unsere Vertrauenskultur im Rahmen der gemeinsamen interprofessionellen Projekte – das gemeinsame Grübeln, die Akribie, die Tatkraft, die Diplomatie.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Senn: Ich fokussiere mich auf die Forschung und bleibe der FHS St.Gallen erhalten. Ab dem 1. März 2019 werde ich mit einem Teilzeitpensum als Professorin an der neu gegründeten Fachstelle Onkologie arbeiten. Zu meinen Aufgaben gehören der Aufbau, die Leitung sowie die Umsetzung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Aktuell evaluieren wir beispielsweise eine Pflegesprechstunde für Patientinnen mit Brustkrebs im Triemlispital und entwickeln eine Leitlinie zur entsprechenden Bewegungsunterstützung. Zudem leite ich das schweizweite Projekt «WOMAN-PRO III», um das Selbstmanagement postoperativer Symptome bei Frauen mit Krebs im Genitalbereich zu unterstützen. Mein Herz schlägt vor allem für die gynäkologisch-onkologische Pflege. Schon seit längerer Zeit engagiere ich mich dafür in der akademischen Fachgesellschaft Onkologie und der Onkologiepflege Schweiz. Nebst meinem Schwerpunkt in der Forschung an der FHS werde ich weiterhin in der Lehre tätig sein.

Ihnen ist die Vernetzung von Forschung und Praxis sehr wichtig. Welche Erfahrungen haben Sie selbst in der Praxis gemacht?

Senn: Durch meine Tätigkeiten als Diplomierte Pflegefachperson im Hüttenhospital Dortmund, im Zieglerspital Bern sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der gynäkologischen Onkologie am Inselspital Bern kenne ich die Anliegen der Praxis bei der Pflege von Menschen und ihren Familien. Zum Beispiel durfte ich gemeinsam mit dem interprofessionellen Team der Frauenklinik am Inselspital Bern ein Advanced-Practice-Nursing-Konzept, also die Rolle einer Pflegeexpertin oder eines Pflegeexperten, erarbeiten und einführen. Es bereitet mir grosse Freude, Voraussetzungen zu schaffen, um Pflegefachpersonen mit unterschiedlichen Qualifikationsstufen zu befähigen, ihre Ziele zu erreichen und sie auf diesem Weg zu begleiten.

Wer wird das IPW-FHS künftig leiten?

Senn: Bis wir die geeignete Person gefunden haben, übernimmt ad interim Frau Prof. Dr. Birgit Vosseler. Sie ist die Leiterin des gesamten Fachbereichs Gesundheit. Für alle unsere Partner ändert sich aber nichts, alle Tätigkeiten und Projekte laufen weiter wie bisher.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für die Zukunft der Pflegewissenschaft – was wäre das?

Senn: Die Pflegeforschung hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stark entwickelt. Es gibt unterdessen zahlreiche Forschungserkenntnisse in Fachgebieten wie Palliative Care oder Bewegungsförderung. Was uns sicher noch fehlt, ist das Wissen, wie wirksam neue pflegerische Massnahmen in der interprofessionellen Zusammenarbeit sind und wie diese nachhaltig implementiert werden können. Aus meiner Sicht prioritär ist beispielsweise eine Evaluation neuer, interprofessioneller Versorgungsmodelle anhand von Langzeitstudien. Das heisst, wie können die Rollenprofile von Pflegeexpertinnen und -experten geschärft werden? Wie sieht beispielsweise meine Rolle genau aus, wenn ich als Pflegeexpertin in einer ländlichen Region mit einer Patientin mit Multipler Sklerose arbeite? Ausserdem brauchen wir rollenübergreifende und interdisziplinäre Konzepte, um die Kompetenzen der unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungen vollends zum Tragen kommen zu lassen, damit der Pflegeprozess über Institutionsgrenzen hinweg für Patientinnen und Patienten optimal gewährleistet ist. Für dieses weitgreifende Forschungsfeld wünsche ich mir in Zukunft Erkenntnisse, die das gesamte Gesundheitswesen voranbringen. Meiner Ansicht nach ist es Aufgabe der Pflegewissenschaft, dieses Wissen zu erforschen.

Pflegeforschung hautnah erleben

Der Mai-Anlass dient Pflegefachpersonen aus Praxis, Forschung und Lehre, aktuelle Forschungen und Tätigkeiten des Instituts für Angewandte Pflegewissenschaft IPW-FHS der Fachhochschule St.Gallen zu präsentieren. Der diesjährige Mai-Anlass findet am Dienstag, 7. Mai 2019 statt. Weitere Informationen: www.fhsg.ch/ipw

Der St.Galler Demenz-Kongress wird vom Fachbereich Gesundheit der Fachhochschule St.Gallen in Kooperation mit den Olma Messen St.Gallen veranstaltet. Im Jahr 2018 fand bereits der sechste Kongress in Folge statt, wobei wieder rund 1000 Besucherinnen und Besucher teilgenommen haben. Das Thema für den diesjährigen St.Galler Demenz-Kongress lautet: «Vergessene Anforderung – End of Life Care bei Personen mit Demenz». Der Anlass findet am Mittwoch, 13. November 2019 statt. Weitere Informationen: www.demenzkongress.ch