«Politik durchdringt jede Disziplin»

Sie haben gekämpft, gelernt, gelacht, einen Standpunkt vertreten – rund 320 Studierende aller Studiengänge der Fachhochschule St.Gallen haben im Dezember im Rahmen des Interdisziplinären Kontextstudiums Politik eine amerikanische Debatte geführt.

«Ein Gesetz, das Personen jeglicher sexuellen Orientierung vor Diskriminierung schützt, existiert bereits.» – «Das Gesetz schützt nur Einzelpersonen, keine Personengruppen. Das reicht nicht.» – «Und was ist mit Transgendern, Behinderten, Asylbewerbern? Irgendwann greift das Strafrecht nicht mehr.»

An der Fachhochschule St.Gallen ist unter den Studierenden eine hitzige amerikanische Debatte zum Thema sexuelle Orientierung entfacht. Im Rahmen des Pflichtmoduls Interdisziplinäres Kontextstudium Politik (IKPO) liefern sich 320 junge Erwachsene in acht Klassen ein regelrechtes Pingpong der Argumente.

Das Referendum «Strafgesetz und Militärstrafgesetz (Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung)», worüber die Schweiz am 9. Februar 2020 abstimmen wird, scheint einen Nerv bei den Studierenden zu treffen.

Interdisziplinäres Debattieren

«Jedes Semester wählen wir bewusst aktuelle Themen für die Debatte aus», sagt Maja Pesic, Modulverantwortliche des IKPO. Aber nicht nur sollen die Themen zeitgemäss sein, wichtig sei auch, «eine für möglichst alle Studiengebiete hohe Relevanz der Themen, die schliesslich interdisziplinär beleuchtet werden». Denn das Pflichtfach wird studiengangübergreifend durchgeführt und von allen Studierenden im ersten Studienjahr besucht.

 

Am Tisch debattieren also zukünftiges Pflegepersonal, zukünftige Sozialarbeitende, Architekten, Ingenieurinnen. Da passt auch das zweite Debattierthema, eidgenössische Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen». Anfang des Jahres wird darüber abgestimmt.

Die Initiative verfolge das Ziel, das Angebot an preisgünstigem Wohnraum zu erhöhen, heisst es in den Abstimmungsunterlagen. Der Anteil des gemeinnützigen Wohnungsbaus an den neu gebauten Wohnungen solle künftig gesamtschweizerisch bei mindestens zehn Prozent liegen.

Eine Studentin der Pro-Seite sagt: «Bereits heute steht in der Bundesverfassung, dass jede in der Schweiz lebende Person Anspruch auf einen bezahlbaren Wohnraum hat. Das ist ein Grundrecht.» Ihr gegenübersitzend erwidert ein Student der Contra-Seite: «Es gibt viele leerstehende Wohnungen. Diese Zahl zu erhöhen, ist teuer und sinnlos.» Die Pro-Seite hält dagegen: «Die bereits bestehenden Wohnungen zu sanieren, ist energetischer als neue zu bauen.» So geht es weiter während rund 30 Minuten.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Im Vorfeld der Debatte hatten die jeweils vier Gruppen pro Klasse 90 Minuten Zeit für die Vorbereitung. Die Herangehensweisen fielen unterschiedlich aus: Ein Team suchte Argumente, ordnete sie nach deren Gewichtung und teilte jedem Teammitglied eines zu, das es an der Debatte vorbringen kann. Eine andere Gruppe konsultierte neben den eigenen Pro-Argumenten die Contra-Argumente, um für die gegnerischen Antworten gewappnet zu sein.

Allen Gruppen gemeinsam: Sie versuchten anzuwenden, was sie im IKPO gelernt hatten. Wie etwa, dass man die Debatte mit einem starken Argument sowohl eröffnen als auch schliessen solle. «Und am besten sagen wir noch eine Zahl.» – «Genau! Das machen die in der Arena auch immer.»

Kontaktunterricht trägt Früchte

Beim Debattieren verwenden die Studierenden verschiedene Argumentationstypen wie etwa Analogie‑, Autoritäts‑ oder Induktionsargumente. «In den vergangenen Wochen lernten sie nicht nur politische Prozesse und die Grenzen der Demokratie kennen, sondern auch eine Meinung zu vertreten und diese mit entsprechenden Argumenten zu untermauern», sagt Maja Pesic. Zusammen mit acht weiteren Dozierenden der FHS St.Gallen unterrichtet sie das Modul IKPO. «Die amerikanische Debatte kann als Anwendungsgefäss für das Gelernte gesehen werden.»

Das IKPO verfolgt unter anderem das Ziel, den Studierenden vor Augen zu führen, dass Politik einen grossen Einfluss auf ihr Berufsleben haben kann. «Sie sollen sich bewusst werden, dass sie die Gesellschaft mitprägen können. Denn Politik durchdringt jede Disziplin», sagt Maja Pesic. Sie sieht eine grosse Chance darin, dass das Fach interdisziplinär geführt wird. «Unterschiedliche Perspektiven, Sichtweisen regen dazu an, etwas kritisch zu reflektieren.»

«Gesetzliche Grundlagen prägen unser Schaffen»

Und wie finden die Studierenden das Modul IKPO? «Ich finde es interessant und auch sinnvoll, dass wir etwas über Politik lernen», sagt eine Pflege-Studentin. Ihr sei bewusst, dass dieses Hintergrundwissen im Berufsleben weiterhelfen kann. Ein Student des Wirtschaftsingenieurswesen jedoch fühlt sich im Kurs fehl am Platz: «Naja, ich sage es mal so, es ist einfach ein Fach, das ich besuchen muss.»

Maja Pesic und ihren acht Teamkollegen sei bewusst, dass die Meinungen unter den Studierenden zum Modul IKPO kontrovers ausfallen. «Das Politikmodul ist kein Kernfach, aber jede Fachdisziplin wird früher oder später mit Politik konfrontiert. Gesetzliche Grundlagen prägen unser Schaffen», sagt die Modulverantwortliche. Deshalb sei es wichtig, bereits in jungen Jahren darauf aufmerksam zu machen. «Schön ist, wenn am Ende des Moduls jemand sagt: Ab jetzt gehe ich immer abstimmen.»

Text und Fotos: Jasmina Henggeler