FHS-Pflegestudentin rettet einem Mann das Leben

Chaos, Hektik, Adrenalin – eine Reanimation im echten Leben kommt unerwartet und verläuft selten so ruhig wie im Kurs. FHS-Pflegestudentin Michèle Pfister hat trotz dieser Umstände und dank viel Übung während ihres Studiums einen Mann erfolgreich reanimiert.

von Jasmina Henggeler

Ruhig, entspannt, gemütlich. So hatte sie sich den Abend vorgestellt. Dass sie noch an diesem Tag einem Menschen das Leben retten würde, ahnte Michèle Pfister beim Betreten des Fitnessstudios nicht. Gemeinsam mit ihrer Mutter wollte die FHS-Pflegestudentin sich auf den Geräten auspowern. Doch als die beiden an der Männerumkleidekabine vorbeigingen, hörten sie, wie eine Mitarbeiterin einem anderen Fitnesskunden erklärte: Die Umkleidekabine sei aufgrund eines medizinischen Notfalls zurzeit nicht betretbar.

Michèle Pfister zögerte nicht, bot Hilfe an, ging in die Umkleidekabine. «Am Boden lag ein Mann, gut 50 Jahre alt. Er war bewusstlos, hatte die Augen aufgerissen und zuckte immer wieder am ganzen Körper», sagt die Studentin. Die Situation habe ganz und gar nicht so ausgesehen wie im Reanimationskurs während des Studiums. Es sei nicht so ruhig und geordnet gewesen. «Da habe ich schon mal leer geschluckt.»

Steinharter Brustkorb

Zwei Personen seien bereits am Reanimieren gewesen, hätten Platz geschafft und den Notruf gewählt. Michèle Pfister übernahm die Herzdruckmassage. Auch hier stellte sie einen weiteren Unterschied zwischen echtem Leben und «Übung» im Kurs fest: «Der Thorax war pickelhart. Ich fragte mich: Wie soll ich hier bloss fünf bis sechs Zentimeter tief kommen und massieren?» Reanimationskursleiter und Dozent für Pflege an der FHS St.Gallen Claus Brockmeyer habe ihnen im Unterricht aber beigebracht: «drücken, drücken, drücken». Und das tat die Michèle Pfister dann auch.

Während der Reanimation habe der Mann immer wieder gezuckt – auch das war neu für die Studentin. Dennoch habe sie weitergemacht. Und zwar bis die Atmung und der Herzschlag wieder eingesetzt haben. «Atmung heisst Herzschlag, sagt man umgangssprachlich so schön. Das war eine riesige Erleichterung.» In diesem Moment habe sie sich zwar erschöpft von der Herzdruckmassage gefühlt, aber sie war froh, erleichtert und glücklich darüber, einem Menschen das Leben gerettet zu haben. Schlussendlich sei es aber ein Team-Effort gewesen, fügt Michèle Pfister bescheiden an. «Alleine hätte ich das nicht geschafft.»

«Alles richtig gemacht»

Claus Brockmeyer, Dozent für Pflegewissenschaft, sagt, Michèle Pfister habe alles richtig gemacht. Er kommt aus der Intensivpflege und hat schon etliche Reanimationen durchgeführt – sowohl beruflich als auch privat auf der Strasse. «Das Wichtigste bei einer Reanimation ist, keine Zeit zu verlieren, mit der Herzdruckmassage zu beginnen und die 144 anzurufen.» Ansonsten könnte der oder die Bewusstlose gravierende Hirnschäden davontragen. Das lehrt der Diplom-Berufspädagoge auch im Reanimationskurs an der FHS, der Teil des Pflegestudiums ist.

Es macht ihn sehr zufrieden, dass Michèle Pfister dank des FHS-Reanimationskurses jemanden erfolgreich wiederbeleben konnte. «Das zeigt mir, dass wir als Fachhochschule im Fachbereich Gesundheit auf eine Art und Weise unterrichten, die sinnvoll ist. Das Studium und insbesondere der Reanimationskurs befähigen nachweislich Leute, anderen das Leben zu retten.»

Der Reanimationskurs während des Pflegestudiums an der FHS St.Gallen vermittelt nicht nur die Thematik der Wiederbelebung beim Erwachsenen, der Beatmung oder des korrekten Einsatzes des Defibrillators. Die Studierenden lernen und üben auch, wie sie einen Säugling oder ein Kleinkind wiederbeleben sowie den vertieften Umgang mit dem Beatmungsbeutel.

Studierende des Bachelor-Studiengangs in Pflege üben das Reanimieren an Dummys im Unterricht.

 

Praxisnah und so realistisch wie möglich

Michèle Pfister schätzt es, dass der Kurs sehr praxisorientiert ist: «Wir probten verschiedene Szenarien», sagt sie und zählt auf: «Patientin, die im Rollstuhl über dem Lavabo zusammengebrochen ist, Patient im Badezimmer oder im Flur».

Die Praxisnähe ist ein Punkt, auf den Claus Brockmeyer und die Dozierenden des Pflegestudiums Wert legen. «Die Studierenden sollen optimal aufs Berufsleben vorbereitet werden.» Er selbst weiss, dass eine Reanimation im echten Leben hektisch und chaotisch sein kann. «Durch verschiedene Übungen und durch Vertiefung der Thematik erreichen wir, dass sich die Abläufe bei den Studierenden automatisieren.»

Das Wichtigste, das Michèle Pfister aber aus dem Kurs mitnehmen konnte, war Selbstvertrauen. Das Selbstvertrauen, hinzustehen und zu sagen: Ich kann das, ich melde mich, ich reanimiere. Rückblickend würde sie nochmals genauso handeln. Sie würde ihr Fitnesstraining warten lassen und Leben retten. Als Pflegefachkraft will sie Menschen helfen. Hat sie einen Tipp für Personen, die wie sie unverhofft in eine Reanimations-Notlage geraten? «Sich einfach ein Herz fassen, hinschauen und zu reanimieren beginnen», sagt Michèle Pfister. Genau solche Heldinnen wie sie braucht es.

Die Studierenden üben anhand verschiedener Szenarien den Ernstfall.
Dank des Kurses rettete Michèle Pfister einem Mann erfolgreich das Leben.
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