Arztbesuch dank Handy stark im Wandel

Andrea Vincenzo Braga bietet mit seiner Firma virtuelle Arztbesuche an: Per  Videoanruf können sich Patientinnen und Patienten behandeln lassen. Früher blies der Telemedizin ein rauher Wind entgegen, heute schreibt sie eine Erfolgsgeschichte. Am Networking-Tag führt Braga eine Live-Konsultation durch.

Der persönliche Arztbesuch galt lange als unantastbar. Das Arzt-Patient-Verhältnis, speziell im Hausarztbereich, schien eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung zu sein. Stets nach dem Motto «De Herr Doktor weiss, was ich bruch» gingen Patientinnen und Patienten fleissig zu ihrem Hausarzt des Vertrauens im eigenen Dorf. Doch dann setzten sich Telefon und später Internet durch. «Und damit schlug auch die Stunde der Telemedizin», sagt Facharzt Andrea Braga, heute Chief Medical Officer und Mitbegründer von «eedoctors». Während sich zuerst viel Widerstand gegen diese Art von «Fernbehandlung» formierte, spricht Braga nun von einem Erfolg für die Gesundheitsbranche – mit zunehmend positiver Resonanz aus der Bevölkerung.  «Oft höre ich den Satz, dass die Leute froh sind, dass es nun endlich so etwas gibt.»

Viele «einfache» Fälle

Dies zeigt sich in den Zahlen: Nach anfänglich wenigen telemedizinischen Anfragen bearbeitet zum Beispiel das Telemedizinunternehmen «Medi24» heute rund 3.5 bis 4 Millionen Konsultationen – pro Jahr. Neu gehören unterdessen auch Videokonsultationen dazu. «Wenn wir als Ärzte die Person, die anruft, nebst hören auch noch sehen, hilft uns das enorm und ermöglicht in den meisten Fällen eine gute Diagnosestellung», sagt Braga und ergänzt, dass 93 Prozent der telemedizinischen Konsultationen seiner virtuellen Praxis direkt abgeschlossen werden können, ohne dass die Person jemals persönlich irgendwo vorbeigekommen ist. Der Grund für diese hohe Zahl liege in der Art der Konsultation: «Befindensstörungen sind relativ einfach zu lösen, wie in der Arztpraxis auch», sagt Braga. Genau dafür erfülle die Telemedizin ihren Zweck. «Heute haben praktisch alle ein Smartphone, womit die technischen Voraussetzungen für eine Videoübertragung auf Seiten der Patienten bereits erfüllt sind. Niemand braucht ein zusätzliches Gerät für den Videoanruf mit seinem Arzt.»

Rollenbild des Arztes verändert sich

Die Telemedizin schafft gemäss Braga nicht nur zusätzliche und schnellere Behandlungsmöglichkeiten, sondern sie prägt auch das zukünftige Rollenbild von Arzt und Ärztin mit. «Das klassische Karrierebild vom jungen Mediziner, der bis in die oberste Etage möchte, ist nicht mehr so beliebt wie früher. Heute wollen viele Teilzeit arbeiten, mehr Zeit fürs Leben, flexibler sein.» Mit der Telemedizin würde dies gefördert, denn zum Beispiel können Ärzte Videokonsultationen auch von Zuhause aus annehmen und bearbeiten. «In unserer Praxis haben wir vor allem Frauen, die diese Möglichkeit sehr schätzen und nutzen», sagt Braga.

Idealzustand gibt es nicht mehr

Ist das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht viel zielführender? «Leider ist es schlichtweg längst Realität, dass wir speziell im Hausarztbereich keinen Idealzustand mehr haben. Es fehlt oft an Ärzten und anderem Fachpersonal, um allen Patienten gerecht zu werden. Die Videokonsultation ermöglicht eine Diagnosestellung und durchaus auch persönliche Gespräche, ohne dass der Patient zum Arzt rennen muss» Insofern mache es Sinn, die Telemedizin als zusätzliches Mittel einzusetzen. Aber es gehe nicht nur um eine Effizienzsteigerung, sagt Braga. «Heute können wir bei komplexen Fällen auf Knopfdruck Experten aus der ganzen Welt zuschalten. Diese schnelle Art von interdisziplinärer Zusammenarbeit wäre früher undenkbar gewesen.»

Andrea Braga tritt am diesjährigen Networking-Tag auf, der von der Ehemaligenorganisation FHS Alumni organisiert wird. Im Referat schafft Braga einen Überblick über den aktuellen Stand der Telemedizin und wagt Zukunftsprognosen: Welche Innovation folgt als nächstes? Ausserdem führt er eine Live-Konsultation durch. Dabei können die Besucherinnen und Besucher zuschauen, wie ein solcher Videoanruf an den Arzt vonstatten geht.

Andrea Vincenzo Braga sieht einen grossen Mehrwert in der telemedizinischen Behandlung von Patientinnen und Patienten.