«Gemeinsame Ziele und achtsames Zusammenwirken sind mir wichtig»

Seit 100 Tagen leitet Yvonne Gassmann den Fachbereich Soziale Arbeit an der FHS St.Gallen, ab 1. September steht sie dem Departement Soziale Arbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule vor. Ihr Start war geprägt von der Corona-Pandemie. Wie hat sie die erste Zeit erlebt? Wie sieht sie ihre Rolle? Und was sind ihre Ziele? Im Interview vom 8. Juni 2020 beantwortet sie diese Fragen. Und sie erzählt, wieso sie sich für einen Wechsel in die Ostschweiz entschieden hat und wie sie die Zukunft des Departements Soziale Arbeit in der OST sieht.

Frau Gassmann: Ein langsames Ankommen in St.Gallen gab es für Sie wegen der Corona-Pandemie nicht. Wie haben Sie Ihren Start erlebt?

Yvonne Gassmann: Eine Pandemie so direkt zu erleben, ist für uns alle neu. Zum einen habe ich die Hochschule und den Fachbereich Soziale Arbeit als umsichtig und verantwortungsbewusst erlebt. Fragen und Anliegen wurden gebündelt und strukturiert, so wurden sie handhabbar. Zum anderen standen Studierende sowie Kolleginnen und Kollegen komplexen Situationen und auch Belastungen gegenüber. Zwar wurde hier immer wieder individuell Lösungen gefunden und Hand geboten, aber trotzdem: Die Situation war immer wieder auch belastend.

Spüren Sie eine Rückkehr zu einer Art neuen Normalität?

Gassmann: Ja, es wird jetzt tatsächlich etwas «normaler». Das bringt Erleichterung. Gleichzeitig sind noch viele Fragen offen. Wir müssen weiter Antworten und Lösungen suchen und finden; auch lernen aus dem, was wir erlebt haben und wie wir auf die Corona-Pandemie reagiert haben. Aber ich spüre sehr viel Solidarität und auch Flexibilität. Allgemein bin ich dankbar für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Dafür, dass man mir etwas zutraut. In den verschiedenen Gruppen hat man mich herzlich aufgenommen. Ich kann oft so mitarbeiten, als wenn ich schon viel länger an der FHS wäre. Dieses Vorschussvertrauen tut gut. Es ist hilfreich und macht handlungsfähig.

Dann haben Sie sich also gut eingelebt?

Gassmann: Ja. Natürlich habe ich mir vorgenommen, möglichst bald alle Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich und in der Fachhochschule persönlich kennenzulernen und den Studierenden zu begegnen. Das war nicht möglich, es werden jetzt aber immer mehr mit denen ich ins Gespräch komme. Und ich hatte viele Gelegenheiten, bei denen ich zuhören und ein Gespür bekommen konnte. Mittlerweile habe ich mir einen Überblick verschafft. Das Bild der FHS gestaltet sich jeden Tag facettenreicher. Ich nehme ein stimmiges grosses Ganzes wahr.

Gab es auch besondere Momente?

Gassmann: Ein solcher Moment war die Diplomfeier im Pfalzkeller, auch wenn sie leider ohne Gäste stattfand. Die Diplomand*innen haben mich beeindruckt. Sie gaben mir das Gefühl, dass wir an der FHS Menschen ganzheitlich ausbilden. Die thematische Breite und die innovativen, mutigen Themen der Abschlussarbeiten haben mich beeindruckt.

Und welche Erfahrungen haben Sie mit dem digitalen Unterricht während des Lockdowns gemacht?

Gassmann: Wir haben die Studierenden dazu befragt und die Ergebnisse der Umfrage berühren mich. Den Studierenden fehlen die Kontakte zu ihren Peers und Lehrenden. Sie müssen vielfältige Aufgaben erledigen und machen sich gleichzeitig Sorgen um Gesundheit, Angehörige und gesellschaftliche Entwicklungen. Verschiedene Herausforderungen lassen sich durch das erkennbare grosse Durchhaltevermögen der Studierenden und eine gute Online-Didaktik nur bedingt auffangen. Wir alle wünschen uns eine baldige Rückkehr an die Hochschule.

Sie haben an verschiedenen Schweizer und deutschen Hochschulen gelehrt und geforscht. Was hat Sie gereizt, an die FHS St.Gallen und bald die OST – Ostschweizer Fachhochschule zu wechseln?

Gassmann: Die FHS St.Gallen – aber auch die OST – als Mehrspartenhochschule mit vielfältigen Kompetenzen – und der Fachbereich Soziale Arbeit respektive das zukünftige Departement Soziale Arbeit haben eine passende Grösse. Hier kann man etwas bewirken, ohne dass alles zu schwerfällig und langsam ist, aber so, dass man gehört wird. In der Ostschweiz sind die Wege weder zu umständlich noch zu lang. Die thematische Breite im Fachbereich ist passgenau und fassbar – auch von aussen kommend.

Wie zeigt sich das?

Gassmann: Sowohl in der Gesellschaft als auch in der OST nehme ich Wohlwollen und Interesse wahr gegenüber den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften und speziell der Sozialen Arbeit. Man kann sich begegnen, wir können uns als Fachbereich einbringen.

Was sind Ihre Aufgaben? Und wie ändern sie sich in der OST?

Gassmann: Als Leiterin führe ich heute an der FHS den Fachbereich und in der OST dann das Departement Soziale Arbeit fachlich und personell. Während ich jetzt Prorektorin bin, werde ich an der Ost stellvertretende Rektorin sein. Schon heute hat ein Teil meiner Aufgabe mit der OST zu tun, vor allem mit dem Aufbau. Jetzt und auch später koordiniere ich den vierfachen Leistungsauftrag für die Soziale Arbeit – Lehre, Weiterbildung, Forschung und Entwicklung sowie Dienstleistung. Mir geht es darum, die Leistungsbereiche gut zu vernetzen, damit sie voneinander profitieren. Zudem bin und bleibe ich verantwortlich für Strategieprozesse und die Geschäftsplanung des Departements.

Was beinhalten diese?

Gassmann: Es geht zum Beispiel darum, die Interessen von Stakeholdern wie etwa den Adressat*innen der Soziale Arbeit im Blick zu haben. Aber auch darum, was andere im Umfeld tun. Wir müssen auch die eigenen Stärken und Schwächen kennen. Dazu erarbeiten wir Analysen und diskutieren Entscheide. Wir wollen wissen, woher wir kommen, wo wir stehen, wohin wir möchten und was unsere Ziele und Visionen sind. Es gilt verschiedene Zeithorizonte im Blick zu haben.

Welche Rolle übernehmen Sie dabei?

Gassmann: Ich verstehe mich als Wegbegleiterin, die Menschen auf ihrem beruflichen und akademischen Weg unterstützt. Gemeinsame Ziele und achtsames Zusammenwirken sind mir wichtig. Dafür braucht es transparente und abgestimmte Kommunikations- und Entscheidungswege sowie eine Dialogkultur und Offenheit. Zudem bin ich sensibel gegenüber Machtstrukturen. Ich hinterfrage diese gerne – auch gemeinsam. Und fordere das auch ein.

Was ist Ihnen wichtig in Bezug auf die OST?

Gassmann: Wichtig ist mir ist eine vielfältige Zusammenarbeit, sowohl im Departement und in der Hochschule als auch mit verschiedenen Anspruchsgruppen in der Ortschweiz und darüber hinaus. Ihre Zufriedenheit ist für die OST als Ganzes wesentlich. Die Grundlage dafür ist aber die Zufriedenheit der Studierenden und Mitarbeitenden. Zur Zufriedenheit aller Beteiligten – dass sie ins Gespräch kommen – möchte ich beitragen. Nicht zuletzt stehe ich auch für Freiheit von Forschung und Lehre ein. Eine möglichst grosse Autonomie ist nötig. Es gilt, die Entscheidungsfreiheit des Departements zu bewahren und den Handlungsspielraum zu erweitern.

Wie sehen Sie die Zukunft des Departements Soziale Arbeit?

Gassmann: In der Sozialen Arbeit können wir profiliert und agil auf gesellschaftliche Herausforderungen antworten. Wir greifen aktuelle Themen und soziale Fragen multiperspektivisch auf und bearbeiten sie zukunftsorientiert. Als Menschen können wir uns persönlich einbringen und Begegnungen fördern, eine Dialogkultur unterstützen sowie verbindend und achtsam mit Stakeholdern und Adressat*innen zusammenwirken. Wir bilden ganzheitlich aus und weiter – andere und uns selbst. Wir können gesellschaftliche Prozesse beobachten und interpretieren sowie zur Reflexion und zum Verstehen von solchen Prozessen in der Öffentlichkeit beitragen und somit auch Verantwortung in der Gesellschaft und für die Zukunft übernehmen.

Die ersten 100 Tage sind vorbei. Haben Sie erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?

Gassmann: Ich wollte hier ankommen, zuhören, mir ein erstes Bild machen, lernen und zunehmend verstehen, was ich antreffe und vorfinde. Das ist schliesslich auch unter den Bedingungen des Distancings gelungen. Die veränderte Situation führte zur Entschleunigung verschiedener Prozesse und Vorhaben. Vieles war anders als geplant und trotzdem möglich. Darin sehe ich auch Chancen.

Welche Ziele setzen Sie sich für die nächsten 100 Tage?

Gassmann: Ich möchte das Departement noch besser kennenlernen und stärker in den Austausch mit regionalen (Praxis-)Partnerinnen und Partnern kommen. Ich hoffe sehr, dass wir mit den entsprechenden Schutzkonzepten ab Spätsommer traditionelle Anlässe, angepasst an die Situation, durchführen können.

Interview: Andrea Sterchi/Lea Müller

Zur Person

Yvonne Gassmann hat in Erziehungswissenschaft doktoriert und ihre Habilitation im Fach Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik abgelegt. Vor ihrem Wechsel lehrte und forschte sie an Schweizer und deutschen Hochschulen. Zuletzt war Yvonne Gassmann als Professorin für Psychologie und Beratung in den Studiengängen Soziale Arbeit und Inklusive Pädagogik & Heilpädagogik an der EH Ludwigsburg tätig und baute den Studiengang Soziale Arbeit am Campus Reutlingen mit auf.