Von der flüchtigen Idee zur fixen Institution

Sie sind Sozialarbeiter in Sandwich-Position: Seit 2012 ist die Fanarbeit St.Gallen eine neutrale Anlaufstelle für FCSG-Fans, Polizei, Verein und Stadionbetreiber. Wie die Idee eines FHS-Studenten zur Institution wurde, und was die Fanarbeiter machen.

Autorin: Malolo Kessler

Feuer lodern, Randalierer stürmen das Spielfeld. Sie reissen Banden herunter, demolieren das Goal, Polizisten in Vollmontur antworten mit Gummischrot und Tränengas. Überall Rauch und Chaos, Tränen und Krawalle. Es ist der 20. Mai 2008. Der Tag, an dem der FC St.Gallen zum letzten Mal im Espenmoos spielt, verliert und absteigt. Der Tag, der später als «die Schande vom Espenmoos» bezeichnet werden wird. Als Abschied, «den das Espenmoos so nicht verdient hat». An diesem 20. Mai 2008, im Stadion, beginnt auch eine Idee zu keimen, die heute eine fixe Institution ist. Denn am Spiel dabei ist damals Gino Frei, Fussballfan und Student der Sozialen Arbeit. Und er fragt sich zum ersten Mal: Weshalb können solche Dynamiken an Fussballspielen nicht unterbunden werden? Und weshalb gibt es keine Fanarbeit, keine Art Jugendarbeit für Fussballfans? Das Thema lässt ihn nicht mehr los: 2009 beginnt Frei an der FHS mit dem Praxisprojekt «Fanarbeit beim FC St.Gallen». Zwei Jahre später wird die Fanarbeit offiziell gegründet, 2012 mit einem dreijährigen Pilotversuch gestartet, 2014 schliesslich bewilligt das St.Galler Stadtparlament die Weiterführung auf unbestimmte Zeit.

Dort sein, wo die Fans sind

Das Team der Fanarbeit St.Gallen besteht heute aus drei Personen und wird geleitet von Thomas Weber, Fanarbeiter der ersten Stunde, ab und zu auch «Kurvenmami» genannt. «Die Fanarbeit ist eine neutrale Stelle, an die sich Fans, der Verein, Fanverantwortliche, Polizei und Politik wenden können», erklärt der Sozialarbeiter. «Wir vermitteln und vernetzen, beraten und begleiten.» Die Angebote der Fanarbeit sind vielfältig: Fanarbeiter sind bei Heimspielen in der Kurve präsent, begleiten Fans im Extrazug zu Auswärtsspielen, im Rahmen des «U16 Projekts» auch ganz junge. Zudem hat die Fanarbeit ein Projekt ­gegen Littering lanciert, bietet Beratung bei persönlichen Problemen, hält Vorträge, macht Schulbe­suche und gibt Fans mit Stadionverbot im Rahmen des «Projekt Chance» die Möglichkeit, ihr Verhalten positiv zu verändern und ihr Stadionverbot zu verkürzen. Und schliesslich sind die Sozialarbeiter dort, wo sich die Fans aufhalten: mehrmals wöchentlich im Fanlokal Bierhof. 

«Begonnen haben wir 2012 aber ohne Büro, wir hatten nicht mal einen Laptop», erinnert sich Thomas Weber. Er suchte Kontakt zu Fanarbeitern von anderen Clubs, reiste mit ihnen mit. Insbesondere das erste halbe Jahr sei herausfordernd gewesen. «Wir mussten uns unvoreingenommen auf alle Akteure einlassen und uns die Akzeptanz der Fans und der Polizei erst erarbeiten.» Dazu seien viele Gespräche nötig gewesen. In der dreijährigen Pilot­phase habe sich die Fanarbeit sowohl personell als auch in Bezug auf Projekte mehrmals neu erfunden. «So konnten wir herausfinden, ­welche Projekte funktionieren und welche wir überhaupt stemmen können.» Für die Fanarbeiter persönlich sei es die ersten Male auch nicht einfach gewesen, bei grösseren Ausschreitungen nahe dabei zu sein: «Man entwickelt aber mit der Zeit einen professionellen ­Umgang mit solchen Extrem­situationen.» 

In der Sandwich-Position

Die Weiterführung der Fanarbeit auf unbestimmte Zeit 2014 bezeichnet Thomas Weber als «grössten Erfolg». Vorgängig hatte das Institut für ­Soziale Arbeit einen Evaluations­bericht über die Fanarbeit verfasst (siehe Kasten). «Die Aussagen daraus waren für uns extrem wertvoll und ­haben gezeigt, dass alle Akteure ­unsere Arbeit schätzen gelernt ­haben.» Vor allem dieser Goodwill ermöglichte laut Weber letztlich, die Fanarbeit weiter zu ­institutionalisieren. Die Angebote der Fanarbeit würden heute gut genutzt. So haben Weber und sein Team beispielsweise unlängst im Rahmen der persönlichen Beratung einem Fan geholfen, eine neue Lehrstelle zu finden. Und bei Heim- und Auswärtsspielen kommt es laut ­Weber jeweils zu mehr als 100 Interaktionen zwischen Fanarbeit und Fans. «Das sind meist einfache Alltagsge­spräche, die aber auch einen leicht beratenden Charakter haben.» Nach wie vor gebe es schwierige, verfahrene Situa­tionen, die auch den Fanarbeitern an die Substanz gingen. «Es gibt Fälle zwischen Fans und Polizei oder dem Club, in denen die Fronten extrem verhärtet sind, wo es nur noch um Schadens­begrenzung geht.»

Die Fanarbeit sei als neutrale Stelle in einer Sandwich-Position, der ­Einflussbereich höre irgendwo auf. «Das auszu­halten, ist manchmal nicht einfach», sagt ­Weber. Umso schöner sei es zu sehen, dass die Fanarbeit auf allen Ebenen ernst genommen und als eigenständige Stimme wahrgenommen werde. «Es würde sehr viel fehlen, wenn es die Fan­arbeit nicht gäbe. Wir haben oft bewiesen, dass wir ­einen Beitrag zu einem ruhigen Setting leisten können», sagt Weber. «Und wir wollen das auch weiterhin tun.» Denn zu einer Schande, wie sie am 20. Mai 2008 im Espenmoos passiert ist, solle es im Kybunpark nie kommen. 

Fanarbeit wirkt

Das Institut für Soziale Arbeit der FHS hat die Pilotphase der Fanarbeit von 2012 bis 2014 unter der Leitung von Martin Müller umfassend untersucht. Dafür wurde ein Befragungsinstrument entwickelt, mit dem zwei Interviewreihen durchgeführt wurden, sowie unterschiedliches Datenmaterial wie Statistiken, Matchberichte, Protokolle und Artikel analysiert. Der Evaluationsbericht, der 2014 erschien, stellte der Fanarbeit ein sehr gutes Zeugnis aus. «Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass das Zusammenspiel aller Akteure im gesamten Wirkungsgefüge ein entscheidender Erfolgsfaktor für einen konstruktiven Umgang zwischen Fans, Polizei, FC St.Gallen, Stadionbetreibern und möglichen weiteren Akteuren ist», heisst es. Dabei nähmen die Fanarbeiter die wichtige Rolle einer intermediären Instanz ein, indem sie Wahrnehmungen verschiedener Gruppen «übersetzen», vermitteln und gegenseitiges Vertrauen fördern würden.