Weniger Bürokratie, mehr Zeit für die BetreuungNeue Organisationsmodelle für die Spitex

Die ambulante Pflege ist in Bewegung. Diskutiert werden neue Ideen, wie die Dienstleistung effizienter organisiert werden kann. Ein Praxisprojekt im Rahmen des Masterstudiengangs Soziale Arbeit untersuchte, wie das niederländische Buurtzorg-Modell auf eine Spitex-Organisation übertragen werden kann. In St.Gallen soll nun ein Pilotprojekt starten. 

Autorinnen: Nicole Lieberherr/ Viktoria Schachinger

Die Centrum-Stadt Spitex ist eine von vier gemeinnützigen Spitex-­Organisationen in der Stadt St.Gallen. Sie beobachtet die Entwicklungen in der ambulanten Pflege in den Niederlanden seit Längerem, insbesondere das Buurtzorg-Modell interessiert die Organisation. Daraus entstand der Auftrag für das Praxisprojekt des Transfermoduls des Master-­Studiengangs Soziale Arbeit an der Fachhochschule St.Gallen. 

Im Auftrag der Spitex-Geschäftsleitung sollte untersucht werden, inwiefern sich das Buurtzorg-Modell auf die Gegebenheiten der ambulanten Pflege in der Spitex Centrum-Stadt Spitex übertragen lässt. Ziel war es, Möglichkeiten der Anwendung des Modells sichtbar zu machen und eine Grundlage für Entwicklungsprozesse innerhalb der Organisation zu bilden.

Revolutionäres Modell 

«Buurtzorg» basiert auf der Idee des Niederländers Jos de Blok, die Pflege im ambulanten Bereich völlig anders zu organisieren. Er verfolgte die Absicht, die zahlreichen, vom aufgeblähten Verwaltungsapparat blockierten Ressourcen wieder freizusetzen, den Pflegefachpersonen die Verantwortung für ihre Tätigkeit in die eigenen Hände zu legen und das Klientel wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Nach zehn Jahren umfasst das Modell heute in den Niederlanden rund 10’000 Mitarbeitende, die in selbstorganisierten Teams von vier bis zwölf Personen arbeiten und jährlich 70’000 Patienten betreuen. «Buurtzorg» wird von den Krankenkassen mittlerweile anerkannt. Damit hat Jos de Blok nicht nur die ambulante Pflege in den Niederlanden revolutioniert, auch ­andere Länder wie Deutschland, Japan, China, Australien, Grossbritannien oder die USA haben seine Idee übernommen.

Dass lernende Organisationen und lernende, autonome Teams im Trend liegen, zeigt auch der privatwirtschaftliche Anbieter von Organisationsberatung, «Xpreneurs», auf. Er versteht sich dabei als «Laboratorium für neue Formen der Arbeit und für die dazu nötigen Formen von Organisation». Im Zentrum der Beratungstätigkeit steht «Holacracy», ein von Brian J. Robertson gegründetes «revolutionäres Management-System für eine volatile Welt». Unternehmen, die nach Holacracy arbeiten, organisieren sich nicht mehr anhand einer hierarchischen Führungsstruktur, sondern über Prozesse in selbstgesteuerten Teams.

Für die Untersuchung wurden nebst der Auftraggeberin weitere Fachpersonen befragt, die über konkrete Kenntnisse der Modelle Buurtzorg und Holacracy verfügen. Es stellte sich heraus, dass das Buurtzorg-Modell unter Berücksichtigung der nötigen Anpassungen an die schweizerischen Gegebenheiten auf die Centrum-Stadt Spitex in St.Gallen übertragen werden könnte. 

Erste Erfahrungen sammeln

Selbstorganisation wäre im Rahmen der Spitex gut möglich, da die Teams der Spitex Centrum-Stadt Spitex bereits heute sehr nahe am System Holacracy arbeiten. Die Geschäftsleitung möchte dieses innerhalb der Organisation einführen. Mit einem Pilotprojekt könnten in St.Gallen erste Erfahrungen mit dem neuen System gemacht werden.

Organisatorisch gäbe es die Zentralen Dienste, die sich als Service Center um Administration, EDV, Logistik, Einkauf, Personalwesen und Kundendienst kümmern. Anfragen gelangten zu diesem Dienst und würden dann an die Spitex-Teams verwiesen. Die rund 30 Mitarbeitenden teilten sich in drei bis vier Teams auf, die interdisziplinär zusammengesetzt sind. Nach denselben Holacracy-Prinzipien könnten alle vier bestehenden Spitex-Organisationen in St.Gallen als Einheitsorganisation strukturiert werden. Im Februar 2018 hat das Stadtparlament das Postulat für die Bildung einer Einheitsorganisation angenommen. Im Postulatsbericht wird eine Anlauf- und Beratungsstelle Alter angedacht. Wie eine mögliche Umsetzung aussehen könnte, wird von Nicole Lieberherr in ihrer Master-Thesis bearbeitet. 

Nicole Lieberherr

ist Masterstudentin und wissenschaftliche Assistentin am Institut für Soziale Arbeit IFSA-FHS. 

Viktoria Schachinger

ist Masterstudentin und wissenschaftliche Assistentin in der Lehre des Fachbereichs Soziale Arbeit.

Die beiden haben im Rahmen des Transfermoduls «Entwickeln und Problemlösen» das beschriebene Praxisprojekt umgesetzt.