«Der Alltag zeigt ­andere Probleme»   

Dr. med. Nils Ruckstuhl ist Leiter der Inneren Medizin am Spital Flawil. Im Interview erzählt er, wie die Gesundheitsbranche aktuell kommuniziert und wie praxistauglich eine «Messengerisierung» in der Schweizer Gesundheitsbranche wäre. 

Interview: Basil Höneisen

Herr Ruckstuhl, welche Kanäle nutzen Patienten heute, um in Kontakt mit dem Arzt zu treten?  

Nils Ruckstuhl: Bei uns wird sehr klassisch kommuniziert: vorwiegend im Gespräch auf der Visite. Allerdings haben wir im Schnitt auch eher ältere Patienten. Die Erwartung, dass der Arzt persönlich vor Ort ist und sich um einen kümmert, ist bei uns relativ hoch.

Wie sieht es intern aus: Sind Sie Mitglied eines Hausarzt-Chats? 

Ruckstuhl: Nein. Aus meiner Sicht besteht in meinem beruflichen Umfeld auch kein Bedürfnis dafür. Zumindest noch nicht, vielleicht ändert sich das mal.

 

Dr. med. Nils Ruckstuhl

ist Leiter der Inneren Medizin am Spital Flawil. Im Interview erzählt er, wie die Gesundheitsbranche aktuell kommuniziert und wie praxistauglich eine «Messengerisierung» in der Schweizer Gesundheitsbranche wäre.

Können Sie sich denn einen Kommunikationswandel für die gesamte Branche vorstellen?

Ruckstuhl: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Messenger-Kommunikation im Gesundheitswesen durchsetzt. Aber mein Alltag zeigt ganz andere Probleme. Zum Beispiel schafft es mein ­Computer nicht einmal, einen Bericht anständig zu transkribieren. Das macht immer noch eine Sekretärin. Mir scheinen die digitalen Möglichkeiten viel weiter zu sein als die Praxis. 

Wo liegen die Probleme?

Ruckstuhl: Zum einen bei den imme­nsen Kosten bei Erneuerungen von IT-­Infrastruktur, zum anderen aber auch beim konkreten Nutzen. Meiner Erfahrung nach wünschen sich Patienten den direkten Menschenkontakt. Trotzdem gibt es bestimmt gute Ansätze von neuer Kommunikation, beispielsweise das ­Modell für Schlaganfälle zwischen Grabs und dem Spital St.Gallen.

Wie funktioniert das?

Ruckstuhl: Bei komplexen Situationen mit Schlaganfällen wird per Videoübertragung von Grabs ins Spital St.Gallen angerufen. Anhand dessen, was die Ärzte im Spital sehen und vom anderen Arzt hören, beurteilen sie das weitere Vorgehen. Das ist eine Art «Fernwartung», indem auf mehr Wissen zugegriffen wird.

In England läuft ein Projekt, bei dem 3.5 Millionen Menschen an einem Hausarztsystem beteiligt sind, das Chat-Beratung anbietet. Wäre das etwas für die Schweiz?

Ruckstuhl: Bei Hausarztpraxen kann ich mir das noch eher vorstellen als im Spital. Einen Teil an Fragen kann man sicher via Chat beantworten, aber eine komplette Untersuchung kann nicht durchgeführt werden. Für genaue Diagnosen sind physische Untersuchungen unabdingbar.

Dafür gibt es doch immer mehr Apps. Was halten Sie vom Trend der «Selbstvermessung»?

Ruckstuhl: Nur schon beim selbststän­digen Blutdruckmessen passieren den Patienten etliche Fehler – und da ­reden wir von offiziellen Messgeräten. Wie sollen wir dann den Daten unterschiedlicher Apps vertrauen können?