Digital, vernetzt, aber immer noch ruhigBibliotheken in der Digitalisierung

Im Zuge der Digitalisierung verlieren Orte und Räume an Bedeutung. Bibliotheken wie jene in der Fachhochschule St.Gallen sind davon allerdings ausgenommen. Als Ruheorte werden sie im schnelllebigen Alltag immer wichtiger. Verändert hat sich jedoch die Art, wie in Bibliotheken gearbeitet, gelesen und recherchiert wird.

Autorin: Nina Rudnicki

«Bibliotheken als Orte wird es auch in Zukunft geben», sagt Vitus Gämperli, Bibliothekar an der Fachhochschule St.Gallen. «Durch die flexiblen Arbeitszeiten ist es im Alltag länger laut. Ruhige Orte zum Lernen werden immer wichtiger. Und wirklich ruhig ist es heutzutage nur noch in Bibliotheken und Kirchen.» Dass im Zeitalter der Digitalisierung eines Tages die Bibliotheksbesucherinnen und -besucher ausbleiben könnten, darüber macht sich Vitus Gämperli daher keine Sorgen.

Die Art, wie Biblio­theken genutzt werden, habe sich allerdings bereits stark verändert. Standen früher die Bücherregale im Mittelpunkt eines jeden Bibliothekbesuchs, ist es heute der eigene Laptop. Auf ihm können die Studierenden online im Katalog nach Artikeln, Zeitschriften, Büchern und DVDs suchen sowie viele der Medien direkt herunterladen. 10’000 Zeitschriften befinden sich aktuell in der digitalen FHS-Bibliothek. Hinzu kommen 170 abonnierte, gedruckte Zeitschriften. Das Angebot von 30’000 Büchern in Papierform wird von 20’000 E-Books ergänzt. Digital frei verfügbar sind zudem ältere Bücher, bei denen kein Urheberrecht mehr besteht. Diesbezüglich tauscht sich die FHS mit anderen Bibliotheken aus, die sich auf die Digitalisierung alter Bücher spezialisiert haben.

Alles dreht sich um digitale Daten

Zu den Hauptaufgaben eines Bibliothekars gehört heute, digitale Daten einzukaufen, bereitzustellen und zu vermitteln. Gerade die Datenvermittlung und Informationskompetenz nehmen im Bibliotheksalltag einen immer grösseren Stellenwert ein. «Dabei geht es darum, den Nutzerinnen und Nutzern zu zeigen, wie sie das, was sie suchen, am einfachsten finden», sagt Vitus Gämperli. Dazu brauche es unter anderem gut aufbereitete Informationen für die Nutzung der Website, Rechercheschulungen, Bibliothekseinführungen sowie Kurse zu Recherchestrategien. Wer zu einem bestimmten Thema recherchiert, muss beispielsweise beachten, dass es mehrere verschiedene Such­orte für Medien gibt. Die E-Journals, die gedruckten Zeitschriften sowie die Bücher und übrigen Medien können nur über verschiedene Suchfelder gefunden werden. «Für die Studierenden ist das ungewöhnlich. Normalerweise nutzen sie Google und suchen das ganze Netz auf einmal ab», sagt Vitus Gämperli. «Aber wissenschaft­liches Recherchieren geht nicht so einfach. Es kann beispielsweise sein, dass sich bei einer hastigen Suche der richtige Treffer erst auf der zwanzigsten Seite befindet.»

Die Bibliotheken und deren Datenbanken sind heute miteinander vernetzt, die Suchergebnis­-Listen dementsprechend länger. «Früher haben die Nutzer hingegen nur nach dem gesucht, was sich in der jeweiligen Bibliothek befand», sagt Gämperli. Damit die Studierenden den Überblick beim Recherchieren nicht verlieren, rät er ihnen, zunächst die eigenen Grenzen festzulegen. Handle es sich beispielsweise um kürzere schriftliche Arbeiten, genüge es häufig, nur nach den neusten Artikeln zu suchen. Eine weitere Möglichkeit sei, die Recherche räumlich einzugrenzen und beispielsweise nur nach Artikeln und Büchern mit Bezug zu einer Region zu suchen. 

Nur noch Abschnitte statt Kapitel 

Mit der Digitalisierung hat sich aber auch die Art und Weise verändert, wie die Studierenden eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. «Früher studierten sie das Inhaltsverzeichnis eines Buches und arbeiteten sich anschlies­send durch die relevanten Artikel oder Kapitel», sagt Vitus ­Gämperli. «Heute hingegen öffnen sie ein PDF und durchsuchen das Dokument mit der Tastenkombination «CTRL-F» nach Stichworten. Die Studierenden lesen nur noch Abschnitte statt ganze Kapitel.» Man könne mit beiden Methoden auf dasselbe Resultat kommen. Allerdings bestehe die Gefahr, dass Studierende ausschliesslich mit der «CTRL-F-Methode» eine Arbeit schreiben, ohne einen Überblick zu haben. Diese Veränderung hat laut Gämperli auch Auswirkungen auf den Inhalt wissenschaftlicher Arbeiten. Als Beispiel nennt er die Seminararbeit einer früheren Studienkollegin über Birnen bei Shakespeare. «Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit bestand darin, aufzulisten, wo das Wort Birneüberall vorkommt. Heute würde sie in der Bewertung dafür keine Punkte mehr bekommen», sagt er. 

Die Digitalisierung von Bibliotheken begann in den 1990er-Jahren. Es war die Zeit, in der die Zettelkataloge von Datenkatalogen abgelöst wurden. Einige Bibliotheken hatten entsprechende CD-ROM-Angebote oder erste PCs als Arbeitsstationen. Mit der Entwicklung des Internets kamen Homepages von Bibliotheken hinzu, über die der Zugriff auf die Datenkataloge vom eigenen Computer aus möglich war. Auf Plattformen konnten mehrere Bibliotheken untereinander Kundendaten austauschen und so einen Lieferservice für ihre Nutzer auf nationaler Ebene aufbauen. Seit 2010 gibt es die Metasuchmaschine Swissbib, die alle Schweizer Universitäts-, National-, Fachhochschul- sowie einige Kantonsbibliotheken durchsucht. 

Der Wandel verändert den Beruf 

Durch den Wandel sind mittlerweile neue Bibliotheksberufe entstanden wie Publikationsberater, Daten- und Informationsspezialisten. «Die grösste Herausforderung auch in den nächsten Jahren wird der rasche digitale Wandel sein. Es braucht Entscheidungen, bei welchem Trend und bei welcher Plattform wir mitmachen», sagt Vitus Gämperli und fügt an: «Alles ändert sich äusserst schnell. Das Bild des Bibliothekars, der mit Samthandschuhen ein historisches Buch aus dem Regal zieht, ist längst nicht mehr passend.»