«Hochkomplexe Pflege-Situationen nehmen zu»

Im Herbst 2019 startet ein neuer Master Studiengang in Pflege an der FHS St.Gallen. Studiengangsleitern Prof. Dr. Hedi Hofmann erklärt im Interview, was dieses Studium mit sich bringt und wozu Master-Absolventinnen und -Absolventen in der Pflege befähigt werden.

Frau Hofmann, welche Fähigkeiten bringt eine Person mit einem Master in Pflege mit?

Hedi Hofmann: Pflegeexpertinnen und -experten mit Masterabschluss zeichnet eine sehr differenzierte Wahrnehmung aus. Sie sind sensibilisiert für die individuellen Lebenswelten. Sie haben sich durch die wissenschaftlich fundierte Ausbildung Expertenwissen und Fähigkeiten angeeignet, welche in sehr komplexen und individuellen Situationen zu einer differenzierten Entscheidungsfindung beitragen. Im Wesentlichen geht es immer darum, den pflegebedürftigen Personen die bestmögliche Pflege und Begleitung bieten zu können. Viele Menschen wollen heute, auch mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, möglichst lange zu Hause leben können. Um dies zu gewährleisten, braucht es entsprechend ausgebildete Fachpersonen. Master- Absolventinnen und -absolventen sind fähig, die Kompetenz der Selbstpflege zu fördern. Sie bringen ein fundiertes Wissen mit, welches sie systematisch anwenden und mit dem sie im interprofessionellen Team argumentieren und handeln können. Ausserdem sind sie fähig, qualitätssichernde Massnahmen zu entwickeln und zu implementieren.

Können Sie ein Beispiel nennen, inwiefern eine Situation solche Fähigkeiten verlangt?

Hofmann: Beispielsweise dauern die langfristigen Auswirkungen von Krebstherapien bis lange nach Abschluss der Behandlungen an. Die krebsassoziierte Müdigkeit belastet viele Menschen auch nach Therapieende und hat Auswirkungen auf die Alltagsgestaltung. Diese Zeichen sind den Betroffenen meist nicht offensichtlich anzusehen. Hier sind Entwicklung von Programmen und Angebote zur Förderung des Selbstmanagements betroffener Personen dringend gefragt.

Wie meinen Sie das?

Hofmann: Statistiken und die demografische Entwicklung zeigen, dass es immer mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen gibt. Die Konsequenz daraus sind steigende, teils hochkomplexe Pflege-Situationen. Wie zum Beispiel sehr alte Menschen, die eigentlich gerne zu Hause sterben möchten, jedoch aufgrund einer akuten Symptomatik, zum Beispiel einer Blutung im Darm, in ein Spital eingeliefert werden. Möglicherweise hat diese Person eine kognitive Veränderung, die sich aufgrund der Spitaleinweisung und der akuten Geschehnisse verschlechtert. Die akute Problematik der Darmblutung könnte medizinisch einfach behandelt werden. Die Konsequenzen für den alten Menschen jedoch sind der Verlust seiner Selbstständigkeit und der Möglichkeit heimzukehren. Die Analyse solcher hochkomplexen Situationen unter dem Aspekt, dass die Wünsche und Werte der betroffenen Person im Mittelpunkt stehen, sind Teil ethischer Fallbesprechungen, an denen die Pflegeexpertinnen und -experten im interprofessionellen Team massgeblich beteiligt sind. Deshalb legen wir den Fokus im Master-Studium auf die Pflege von Menschen mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, um entsprechend Pflegefachpersonen auszubilden, die solche Situationen pflegerisch meistern können und dabei stets auf die Förderung der Selbstpflege und die Bedürfnisse der Betroffenen achten.

Da wird es wohl sehr viele individuelle Fälle geben, die vor allem in Spitälern zu finden sind. Inwiefern können Sie die Studierenden auf diese Praxis vorbereiten?

Hofmann: Achtung, Praxis bedeutet nicht einfach nur Spital. Praxis bedeutet in unserem Kontext: jegliche örtliche Umgebung, in denen sich eine Person befindet. Durch den momentanen Trend der Verlagerung von medizinischen Leistungen von stationär zu ambulant eröffnen sich grosse neue Aufgabenfelder für Pflegeexpertinnen. Beispiele sind Programme zur Entlastung von pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz oder die pflegerische kontinuierliche Begleitung von Menschen mit einer Krebserkrankung in der Nachsorgephase nach Abschluss der Therapie. Auch in der spitalexternen Pflege wird ein Umdenken stattfinden. Klinisch spezialisierte Pflegefachpersonen können eine umfassende Pflegediagnostik leisten und die entsprechenden Interventionen umsetzen, um Hospitalisationen und Einweisungen in Institutionen zu verhindern. Ganz wichtig ist die Entwicklung personenzentrierter Pflegearrangements für Pflegeheime/Pflegeinstitutionen. Auch dafür sind Pflegeexpertinnen MScN aufgrund der Ausbildung qualifiziert. Es geht um die Lebensweltorientierung der pflegebedürftigen Personen und somit um ein ganzheitliches Denken. Praxis orientiert sich am Menschen, nicht am Setting. Pflegebedürftige Personen benötigen die Vermittlung von Handlungsstrategien, die darauf ausgerichtet sind, nachhaltig im Alltag zu wirken? Genau das üben wir im Unterricht. Nebst evidenzbasierter Theorie geht es um realitätsnahe Situationen, die pflegerische Interventionen verlangen.

Welchen Fokus legt das Curriculum des neuen Masters?

Hofmann: Im Mittelpunkt steht die Disziplin Pflege, wobei wir auch viel Wert auf den interprofessionellen Blick legen. Wir wollen die Rolle der APN, der Advanced Practice Nurse, deutlich schärfen. Ausserdem legen wir viel Gewicht auf die Praxisentwicklung: Wie kann das theoretische Wissen möglichst zielführend in die Praxis eingebracht werden? Patientinnen und Patienten werden in den Unterricht miteinbezogen, Studierende bringen eigene Beispiele aus ihrem Berufsalltag mit, die besprochen und bearbeitet werden. Der Schwerpunkt im Studium bleibt dabei bestehen: die Pflege von Menschen mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

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Frau Hofmann, welche Fähigkeiten bringt eine Person mit einem Master in Pflege mit?

Hedi Hofmann: Pflegeexpertinnen und -experten mit Masterabschluss zeichnet eine sehr differenzierte Wahrnehmung aus. Sie sind sensibilisiert für die individuellen Lebenswelten. Sie haben sich durch die wissenschaftlich fundierte Ausbildung Expertenwissen und Fähigkeiten angeeignet, welche in sehr komplexen und individuellen Situationen zu einer differenzierten Entscheidungsfindung beitragen. Im Wesentlichen geht es immer darum, den pflegebedürftigen Personen die bestmögliche Pflege und Begleitung bieten zu können. Viele Menschen wollen heute, auch mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, möglichst lange zu Hause leben können. Um dies zu gewährleisten, braucht es entsprechend ausgebildete Fachpersonen. Master- Absolventinnen und -absolventen sind fähig, die Kompetenz der Selbstpflege zu fördern. Sie bringen ein fundiertes Wissen mit, welches sie systematisch anwenden und mit dem sie im interprofessionellen Team argumentieren und handeln können. Ausserdem sind sie fähig, qualitätssichernde Massnahmen zu entwickeln und zu implementieren.

Können Sie ein Beispiel nennen, inwiefern eine Situation solche Fähigkeiten verlangt?

Hofmann: Beispielsweise dauern die langfristigen Auswirkungen von Krebstherapien bis lange nach Abschluss der Behandlungen an. Die krebsassoziierte Müdigkeit belastet viele Menschen auch nach Therapieende und hat Auswirkungen auf die Alltagsgestaltung. Diese Zeichen sind den Betroffenen meist nicht offensichtlich anzusehen. Hier sind Entwicklung von Programmen und Angebote zur Förderung des Selbstmanagements betroffener Personen dringend gefragt.

Wie meinen Sie das?

Hofmann: Statistiken und die demografische Entwicklung zeigen, dass es immer mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen gibt. Die Konsequenz daraus sind steigende, teils hochkomplexe Pflege-Situationen. Wie zum Beispiel sehr alte Menschen, die eigentlich gerne zu Hause sterben möchten, jedoch aufgrund einer akuten Symptomatik, zum Beispiel einer Blutung im Darm, in ein Spital eingeliefert werden. Möglicherweise hat diese Person eine kognitive Veränderung, die sich aufgrund der Spitaleinweisung und der akuten Geschehnisse verschlechtert. Die akute Problematik der Darmblutung könnte medizinisch einfach behandelt werden. Die Konsequenzen für den alten Menschen jedoch sind der Verlust seiner Selbstständigkeit und der Möglichkeit heimzukehren. Die Analyse solcher hochkomplexen Situationen unter dem Aspekt, dass die Wünsche und Werte der betroffenen Person im Mittelpunkt stehen, sind Teil ethischer Fallbesprechungen, an denen die Pflegeexpertinnen und -experten im interprofessionellen Team massgeblich beteiligt sind. Deshalb legen wir den Fokus im Master-Studium auf die Pflege von Menschen mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, um entsprechend Pflegefachpersonen auszubilden, die solche Situationen pflegerisch meistern können und dabei stets auf die Förderung der Selbstpflege und die Bedürfnisse der Betroffenen achten.

Da wird es wohl sehr viele individuelle Fälle geben, die vor allem in Spitälern zu finden sind. Inwiefern können Sie die Studierenden auf diese Praxis vorbereiten?

Hofmann: Achtung, Praxis bedeutet nicht einfach nur Spital. Praxis bedeutet in unserem Kontext: jegliche örtliche Umgebung, in denen sich eine Person befindet. Durch den momentanen Trend der Verlagerung von medizinischen Leistungen von stationär zu ambulant eröffnen sich grosse neue Aufgabenfelder für Pflegeexpertinnen. Beispiele sind Programme zur Entlastung von pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz oder die pflegerische kontinuierliche Begleitung von Menschen mit einer Krebserkrankung in der Nachsorgephase nach Abschluss der Therapie. Auch in der spitalexternen Pflege wird ein Umdenken stattfinden. Klinisch spezialisierte Pflegefachpersonen können eine umfassende Pflegediagnostik leisten und die entsprechenden Interventionen umsetzen, um Hospitalisationen und Einweisungen in Institutionen zu verhindern. Ganz wichtig ist die Entwicklung personenzentrierter Pflegearrangements für Pflegeheime/Pflegeinstitutionen. Auch dafür sind Pflegeexpertinnen MScN aufgrund der Ausbildung qualifiziert. Es geht um die Lebensweltorientierung der pflegebedürftigen Personen und somit um ein ganzheitliches Denken. Praxis orientiert sich am Menschen, nicht am Setting. Pflegebedürftige Personen benötigen die Vermittlung von Handlungsstrategien, die darauf ausgerichtet sind, nachhaltig im Alltag zu wirken? Genau das üben wir im Unterricht. Nebst evidenzbasierter Theorie geht es um realitätsnahe Situationen, die pflegerische Interventionen verlangen.

Welchen Fokus legt das Curriculum des neuen Masters?

Hofmann: Im Mittelpunkt steht die Disziplin Pflege, wobei wir auch viel Wert auf den interprofessionellen Blick legen. Wir wollen die Rolle der APN, der Advanced Practice Nurse, deutlich schärfen. Ausserdem legen wir viel Gewicht auf die Praxisentwicklung: Wie kann das theoretische Wissen möglichst zielführend in die Praxis eingebracht werden? Patientinnen und Patienten werden in den Unterricht miteinbezogen, Studierende bringen eigene Beispiele aus ihrem Berufsalltag mit, die besprochen und bearbeitet werden. Der Schwerpunkt im Studium bleibt dabei bestehen: die Pflege von Menschen mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

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