Referat Abt Martin im Wortlaut
Abt Martin Werlen, Kloster Einsiedeln, referiert am WTT-YoungLeaderAward 2009 zum Thema "Von der Ethik im Management, die eigentlich niemand will"| Der Referent am WTT-YoungLeaderAward 2009 Martin Werlen OSB, geb. 1962 in der Walliser Gemeinde Obergesteln, wurde am 10. November 2001 zum 58. Abt des Klosters Einsiedeln gewählt. Der Abt von Einsiedeln wird vom Papst ernannt und trägt die Insignien eines Bischofs. Er ist ordentliches Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). Martin Werlen trat 1983 ins Kloster ein. Nach dem Studium der Philosophie, der Theologie und der Psychologie war er Novizenmeister, Internatsleiter und Studienpräfekt der Theologischen Schule im Kloster Einsiedeln. Er unterrichtet auch als Abt am Gymnasium und an der Theologischen Schule. Er ist Autor verschiedener Publikationen und Bücher (z.B. Das ganze Jahr Weihnachten. Alltägliche Erfahrungen benediktinisch betrachtet. Orell Füssli Verlag, 3. Auflage, 2008). Im Kloster Einsiedeln steht Martin Werlen als Abt 77 Benediktinern vor und im Kloster Fahr 27 Benediktinerinnen. Das Kloster beschäftigt zudem 240 Angestellte. |
In einer Forderung sind sich scheinbar alle einig - ob in Wirtschaftszeitungen oder am Stammtisch, ob unter Geschäftsleuten oder unter Studierenden: So kann es im Management nicht mehr weitergehen. Es braucht Ethik im Management. Wenn sich alle einig sind, müssten Änderungen eigentlich problemlos umgesetzt werden können. Doch einig ist man sich letztlich auch darin, dass sich nichts ändern darf - zumal was das eigene Leben betrifft. Und damit ist natürlich alles blockiert. Die Forderung nach Ethik im Management ruft nach einer kritischen Betrachtung unseres Lebens auf, die zugleich tragisch und erheiternd ist.
Das Referat von Abt Martin im Wortlaut, gehalten am 28.9.09 am WTT-YoungLeaderAward:
WTT-YoungLeader-Award
Von der Ethik im Management, die eigentlich niemand will
28. September 2009
Abt Martin Werlen OSB
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrter Herr Landammann
Sehr geehrter Herr Rektor
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger
Werte Damen und Herren
Die Wirtschaft steht seit ein paar Monaten im Rampenlicht der Öffentlichkeit. In einer Forderung sind sich scheinbar alle einig: So kann es im Management nicht weitergehen. Es braucht Ethik im Management. Das liest man in der Neuen Zürcher Zeitung (Barbara Bleisch, Ethik – für manchen Manager nicht mehr als eine Worthülse. In: NZZ vom 9. September 2009. SB 1.) genauso wie in der Enzyklika „Caritas in Veritate“ (Benedikt XVI., Caritas in Veritate. Rom 2009. Nr. 45.), das hört man am Stammtisch genauso wie auf Podien.
Wenn sich alle einig sind, müssten Änderungen eigentlich problemlos umgesetzt werden können. Aber tatsächlich passiert es kaum. Darin sind wir uns wohl auch alle einig.
Ist das nicht eine interessante Ausgangslage? Alle sind sich einig, und doch passiert nicht viel. Wo klemmt es denn? Solange wir diese Frage nicht angehen, bleibt alles Fordern von Ethik in der Wirtschaft leeres Geschwätz.
Die Forderung nach Ethik in der Wirtschaft ist wie eine Lawine ausgebrochen. Ausgelöst wurde sie durch die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise. Wir fordern mit vereinten Kräften Ethik in der Wirtschaft, weil wir Angst vor Verlusten haben oder Verluste bereits zu spüren bekommen. Interessant ist dabei, dass der Ruf nach Ethik vorher von sehr vielen nie zu hören war, die jetzt lautstark schreien, obwohl die Mehrheit der Weltbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur in Angst vor Verlusten gelebt hat, sondern tatsächlich das vermisst, was für ein menschenwürdiges Leben im Urteil von uns allen gegeben sein muss.
Könnte es nicht sein, dass die Hauptsache doch ist, dass es uns gut geht? Und nach Ethik schreien wir dann, wenn wir diese Hauptsache bedroht sehen. Ist das tatsächlich Ethik?
Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg hat grosse Studien zur moralischen Entwicklung des Menschen gemacht und ein kultur- und religionsübergreifendes Stufenmodell entwickelt. (Lawrence Kohlberg, Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt am Main 1996.)
Die Vorstufe jeder moralischen Entwicklung oder Stufe 0 lautet: „Gut ist, was ich will und mag.“ Auf Stufe 1 betrachtet der Mensch das als gut, wofür er belohnt wird und das als schlecht, wofür er bestraft wird. Was die moralische Entwicklung Richtung mehr Reife ausmacht, ist, dass immer mehr Menschen in das Urteil einbezogen werden. Sind wir zuerst einfach nur um uns selbst besorgt, so kümmern wir uns mit der Zeit auch um das Wohl der Eltern und Geschwister, der Menschen, die in unserer Nachbarschaft wohnen, des Landes, in dem wir wohnen bis wir auf Stufe 6 an das Wohl möglichst jedes Menschen denken. Das heisst: Je reifer ein Mensch wird, umso mehr Menschen zieht er in seine moralischen Überlegungen ein.
Wer also Ethik fordert und dabei von der Einstellung ausgeht: „Hauptsache, mir geht es gut!“, sollte sich damit nicht zu sehr brüsten. Es ist eher peinlich. Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung ist bekannter als man meinen könnte… Dasselbe gilt für diejenigen, die beim geforderten oder verteidigten Wohlstand bei der Schweizergrenze Halt machen. Die Welt hört – trotz aller Meinungsäusserungen am Stammtisch und in Leserbriefen – nicht an der Schweizergrenze auf.
Wir sind heute gut informiert über das Geschehen in der Welt und das Schicksal der Menschen selbst auf anderen Kontinenten. Keiner von uns kann sagen: Das habe ich nicht gewusst. Wir wissen einiges. Wir leben in einer globalisierten Welt: Die technischen Möglichkeiten bringen uns die ganze Welt in unsere Stube und auch wir sind den Menschen in fernen Ländern nicht mehr fern. Ein Wirtschaftssystem, das diesen Fakten nicht Rechnung trägt, wird kein nachhaltiges Wirtschaftssystem sein. Es ist kurzsichtig zu meinen, die Mehrheit der Weltbevölkerung werde sich auch in Zukunft damit zufrieden geben, dass die Hauptsache ist, dass es uns gut geht. Auch wirtschaftlich gesehen leben wir in einer globalisierten Welt. All dies fordert einen neuen, mutigen Schritt: Gefordert ist eine Globalisierung der Verantwortung.
Was heisst das? Es geht darum, den anderen Menschen als zu respektierendes Du wahrzunehmen. Nicht nur die eigenen Eltern oder diejenigen, die einen Schweizerpass haben. Der Mensch als solcher steht im Mittelpunkt. Ob dieser Mensch nun in der Schweiz lebt oder in Bangladesh, ob er Christ oder Moslem ist, ob er jung oder alt ist. Jeder Mensch ist ein Mensch wie wir. Jeder Mensch sehnt sich nach Leben – genauso wie wir alle.
Im Dienst dieses Menschen stehen Wirtschaft und Finanzen. Sobald sie einfach im Dienst der Gewinnoptimierung stehen, stehen sie nicht mehr im Dienst des Menschen, sondern im Dienst eines Menschen oder einer kleinen Menschengruppe: „Hauptsache, uns geht es gut!“ Aber Wirtschaft und Finanzen sind Werkzeuge für die Entwicklung des Menschen und der Völker. (Vgl. Caritas in Veritate, Nr. 65.)
Wer das Geschehen in unserem Land verfolgt, weiss, dass es ist gar nicht so selbstverständlich ist, dass der Mensch als solcher im Mittelpunkt steht. Aber gerade hier setzt Ethik an – auch Ethik in der Wirtschaft. In dem Mass, in dem wir uns darin einig sind, wachsen Solidarität und gegenseitiges Vertrauen.
Das ist nicht eine Absage an die soziale Marktwirtschaft und an den freien Wettbewerb. Im Gegenteil. Aber es ist eine klare Absage an eine einseitige Marktwirtschaft und an einen nur scheinbar freien Wettbewerb. Denn der Wettbewerb ist nur frei, wenn alle tatsächlich die gleichen Bedingungen haben. Ein Wettbewerb mit Wettbewerbsvorteilen für die Einen ist nicht frei. Auch dann nicht, wenn die Einen Eidgenossen sind.
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger des heutigen Abends, Sie alle haben hervorragende Fähigkeiten. Dafür werden Sie heute ausgezeichnet. Wie können Sie, wie können wir alle dazu beitragen, dass Ethik im Management einen angemessenen Platz findet? Eines ist klar: Ethik kann man nicht per Knopfdruck aufleuchten lassen. Ethik kann auch nicht per Regierungsbeschluss eingefordert werden. Für Ethik im Management sind wir ganz persönlich gefordert. Denn Ethik im Management setzt Ethik im persönlichen Leben voraus.
Und da kommen wir zu einem Kern unseres Zusammenlebens. Den anderen Menschen respektieren – unabhängig von seiner Herkunft, seinem Wohnort und seiner Religion -, das kann nur der Mensch, der für sein Leben dankbar ist und sein Leben schätzt. Nur wer sich selbst als Geschenk erfährt, kann auch im anderen Menschen ein Geschenk entdecken und Verantwortung für ihn übernehmen. Die Achtung vor dem andern Menschen und vor der Schöpfung setzt die Achtung vor sich selbst voraus.
Werte Damen und Herren, Sie sehen, die Forderung nach Ethik in der Wirtschaft fordert uns alle heraus. Dass es Ethik im Management braucht, davon musste ich Sie nicht überzeugen. Einig sind wir uns meistens aber auch darin, dass sich die anderen ändern müssten. Bei uns sollte alles so bleiben, wie es ist. „Hauptsache, uns geht es gut!“
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, liebe junge und junggebliebene Menschen in diesem Saal, wer Ethik in die Wirtschaft hineinbringt, bereichert die Wirtschaft. Sie haben eine grosse Chance. Sie können diese wichtige Facette durch Ihr persönliches Engagement in die Wirtschaftswelt hineinbringen. Nehmen Sie dabei nicht so sehr an den älteren Semestern ein Vorbild. Ansonsten lässt die nächste Wirtschaftskrise nicht lange auf sich warten. Die Schöpfung wird weiterhin verantwortungslos ausgebeutet. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt unter unhaltbaren Zuständen. Bringen Sie Ihre Ideen in die Wirtschaftswelt, Ideen, die nicht nur einigen Wenigen gerecht werden, sondern möglichst jedem Menschen. Ich möchte Sie dazu ermutigen mit ein paar Sätzen aus unserem Leitbild. Wir haben es seit der Gründung des Klosters Einsiedeln, also seit 1075 Jahren. Und geschrieben wurde es vor 1500 Jahren vom heiligen Benedikt – als Leitbild für eine Mönchsgemeinschaft. Hier ist die Rede von Nachhaltigkeit wohl nicht fehl am Platz…
Der heilige Benedikt schreibt vor 1500 Jahren:
„Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat der Brüder anhören“ (RB 3,1-2). Dann gibt Benedikt eine völlig überraschende Begründung, warum alle zusammen zu rufen sind: „Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Oft, nicht etwa gelegentlich, offenbart der Herr einem Jüngeren, was das Bessere ist. Das soll für Sie alle, liebe junge Menschen, eine Ermutigung sein.
Auch an die Älteren hier im Saal möchte ich ein Wort aus der 1500 Jahre alten Benediktsregel mit auf den Weg geben und damit schliessen. Im gleichen Kapitel schreibt Benedikt: „Wenn weniger wichtige Angelegenheiten des Klosters zu behandeln sind, soll er nur die Älteren um Rat fragen“ (RB 3,12).
Ethik im Management: Hier geht es um etwas Wichtiges. Darin sind wir uns einig.
